Globaler Wettbewerb erfordert strategisches Denken
Europa braucht Industriepolitik

Der Konsolidierungsdruck durch den globalen Wettbewerb nimmt zu. Unternehmen, die sich mit der Rolle eines nationalen Champions zufrieden geben, werden schnell vom Jäger zum Gejagten. Die Politik muss es als ihre Aufgabe verstehen, Entscheidungszentralen globaler Konzerne im Lande zu halten und zugleich die Entstehung starker Player in Wachstumsbranchen zu unterstützen. Das erfordert eine aktive Industrie- und Technologiepolitik. Die richtige Ebene für die Definition und Umsetzung einer solchen Strategie ist die Europäische Union.

HB DÜSSELDORF. Auf den ersten Blick scheint die Globalisierung der Weltwirtschaft zu Ende zu gehen. Der Welthandel schrumpft nach zwei Dekaden heftiger Expansion, die Auslandsinvestitionen der Unternehmen sinken und das Volumen der Unternehmensfusionen ebenso.

Ist das Thema Globalisierung also vom Tisch? Können sich Unternehmen nun wieder mit einer Rolle als nationale Champions ihrer Branche zufrieden geben? Sicher nicht. Wer genauer hinsieht, stellt fest, dass der Konsolidierungsdruck nicht nachgelassen hat. Die Fusionen erreichen zwar wegen der kollabierten Börsenbewertungen nicht mehr die Volumina der Jahre 1999 und 2000, doch die Tendenz zur Konzentration ist ungebrochen.

Viele deutsche Unternehmen haben das im vergangenen Jahr zu spüren bekommen. Zum Beispiel die Brauer: Deutschland hat eine ungeheure Vielfalt von Brauereien, aber keine davon ist in der Lage, mit den internationalen Brauriesen zu konkurrieren. Folge: Die weltweit dominierenden Konzerne kommen nach Deutschland und kaufen die nationalen Größen auf. Beck?s, Diebels und Gilde werden weitere Übernahmen folgen.

Oder die Konsumgüterbranche: Nicht umsonst schießen die Spekulationen um die drei großen Markenartikler Henkel, Wella und Beiersdorf ins Kraut. Entweder gelingt hier ein Zusammenschluss der nationalen Champions zu einem Konzern, der internationalen Riesen wie Procter & Gamble Paroli bieten kann, oder deren attraktive Marken landen irgendwann im Portfolio eines globalen Players. Und dann wird über die Zukunft von Marken und Werken nicht mehr in Deutschland entschieden.

Protektionismus kann die Lösung nicht sein

Welche Konsequenzen sollte die Wirtschaftspolitik aus dem Globalisierungsdruck ziehen? Protektionismus kann die Lösung nicht sein. Wer Unternehmen oder Branchen gegen Übernahmen abschottet, untergräbt die Wettbewerbsfähigkeit der heimischen Industrie. Andererseits ist es naiv, die Entwicklung des Portfolios der Deutschland AG einfach dem freien Spiel der Märkte zu überlassen. Schließlich tun das andere auch nicht. Jeder Industriestaat schützt auf die eine oder andere Art und Weise Schlüsselindustrien oder investiert in neue Wachstumsbranchen.

Auch die USA als Vorkämpfer des freien Wettwerbs tun das: Sie schützen ihre Stahlindustrie durch Zölle, fördern neue Technologien mit milliardenschweren Staatsprogrammen und setzen mit der Macht ihrer Kapitalmärkte Standards für die globale Finanzwirtschaft.

Dem hat Europa bisher wenig entgegengesetzt. Die EU liberalisiert zum einen schrittweise Schlüsselbranchen wie Energie, Post und Telekommunikation und schottet zum anderen Agrarwirtschaft und Bergbau vom internationalen Wettbewerb ab. Zugleich schützen die EU-Staaten mit allerlei Tricks einzelne Konzerne vor allem gegen die innereuropäische Konkurrenz. Insgesamt ist das alles andere als eine konsistente Industriepolitik.

Herausforderungen der Globalisierung

Wie aber muss eine Industriepolitik aussehen, die Europas Unternehmen hilft, die Herausforderungen der Globalisierung zu meistern? Vor allem muss es eine europäische Industriepolitik sein - nur der Wirtschaftsblock EU ist stark genug, um einen Gegenpol gegen die USA zu bilden. Die nationalen Regierungen und die EU-Kommission müssen gemeinsam Stärken und Schwächen der europäischen Wirtschaft analysieren, eine Strategie formulieren und auf dieser Basis eine einheitliche Industriepolitik betreiben.

Diese sollte zwei Ziele verfolgen: Erstens muss sie dazu beitragen, dass es in jeder reifen Branche Global Player mit Sitz in Europa gibt und zweitens muss sie die Voraussetzungen dafür schaffen, dass Europa in neuen Wachstumsbranchen Spitzenpositionen einnimmt.

Um das erste Ziel zu erreichen, muss die EU vor allem alle Schranken niederreißen, die die Konsolidierung innerhalb Europas behindern. Die nationalen Champions müssen sich zu europäischen Champions zusammenschließen dürfen - das heißt auch, dass die Kommission ihren Kartellentscheidungen eine globale Perspektive zu Grunde legen muss. Nur als europäische Champions haben vor allem Hersteller konsumnaher Produkte einen Heimatmarkt im Rücken, der es ihnen erlaubt, mit US-Konzernen auf Augenhöhe zu konkurrieren. Die nationalen Regierungen sollten zudem ihre Staatsanteile an Konzernen nutzen, um die europäische Konsolidierung voranzutreiben.

Die industriepolitischen Ziele müssen auch bei jeder neuen Regulierung berücksichtigt werden, um die europäische Industrie nicht unnötig zu schwächen. Europa darf sich nicht selbst ins Knie schießen.

Der systematische Aufbau wettbewerbsfähiger Positionen in Wachstumsbranchen schließlich wird - auch wenn es die Anhänger der reinen Lehre schütteln mag - nicht ohne Subventionen gehen. Das Beispiel Airbus zeigt, wie man mit einem ordnungspolitisch verwerflichen Instrument zu einem ordnungspolitisch erwünschten Resultat kommt: Ohne den staatlich unterstützten Aufbau des europäischen Airbus-Konsortiums gäbe es auf dem Milliardenmarkt für Flugzeuge heute sicherlich ein Monopol des US-Herstellers Boeing.

Subventionen müssen aber von vornherein zeitlich begrenzt sein. Die Mittel, die die EU heute in die Konservierung einer kleinteiligen Landwirtschaft und eines unrentablen Bergbaus pumpt, müssen schnell in die Förderung zukunftsträchtiger Technologien umgeleitet werden. Zusätzlich muss die Politik durch massive Investitionen in Bildung und Forschung den Nährboden schaffen, auf dem neue Technologien erst entstehen.

Europa wird seinen Wohlstand nur halten, wenn es Spitzentechnologie produziert und nicht Rohstoffe und Massenprodukte. Das muss die Leitidee der europäischen Industriepolitik sein.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%