Globalisierung entmachtet Politik
Heißer Wahlkampf lässt Börse kalt

In der Endphase des Wahlkampfs erhitzen sich die Gemüter - doch die Börsianer lässt das kalt. Höchstens ausländische Investoren sind von Redeschlachten der politischen Akteure beeindruckt.

HB/dpa FRANKFURT. Meistens verpufft die Unsicherheit, die sich kurz vor Wahlen aufbaut, bald nach der Regierungsbildung. "Die Wahl hat auf die Börse noch nicht ausgestrahlt und vielleicht strahlt sie überhaupt nicht aus", bilanziert der Frankfurter Kursmakler Manfred Belger

.

Vor allem die Globalisierung stiehlt den deutschen Politgrößen die Show auf dem Parkett. "Viele politische Rahmenbedingungen werden nicht mehr in Berlin sondern in Brüssel gemacht. Die deutsche Regierung hat heute weniger Einfluss als früher", beschreibt Börsenmakler Heino Ruland den Einfluss der Europäischen Union. In diesem Jahr gibt es ohnehin weit spannenderen Gesprächsstoff. "Diesmal überlagern extrem viele andere Themen den Wahlkampf wie Bilanzskandale, der Irakkonflikt oder der Jahrestag der Anschläge vom 11. September", sagt Rolf Elgeti, Aktienstratege der Commerzbank.

Die Inhalte sind nicht so unterschiedlich

Hinzu kommt der Drang der großen Volksparteien gen Mitte. "Die Inhalte sind nicht so unterschiedlich», argumentiert Günter Senftleben von der Bankgesellschaft Berlin. Selbst die Grünen, lange Zeit ein sensibler Punkt, jagen den Finanzmärkten keinen Schrecken mehr ein. Und mit Oskar Lafontaine hatte die rot-grüne Koalition 1999 gleich zu Beginn ihren größten Börsenschreck verloren. Dennoch würden gerade ausländische Anleger eine Koalition aus Christdemokraten und Liberalen bevorzugen, heißt es am Finanzplatz Frankfurt. "Aber das ist eher Psychologie. Auch ausländische Investoren sind nicht so blauäugig, zu glauben, dass die CDU alles besser machen würde", kommentiert Elgeti.

Unterschiede lassen sich am ehesten an einzelnen Branchen festmachen. Viele Analysten haben versucht, Aktien in "Schröder-" oder "Stoiber-Papiere" einzuteilen. Ein SPD-Sieg wäre nach Einschätzung von Fachleuten besser für die Aktienkurse halbstaatlicher Unternehmen wie Deutsche Telekom oder Deutsche Post. Denn der designierte CDU-Mann für die Wirtschaft, Lothar Späth, würde die übrigen Staatsanteile an beiden am liebsten schnell versilbern.

Deutsche Anleger lassen sich kaum auf politische Spekulationen ein

Von einem Sieg der Union unter Edmund Stoiber könnten vor allem die Aktien von Stromproduzenten wie Eon oder RWE profitieren, meinen Börsianer. Der CSU-Mann ist der Atomkraft freundlicher gesonnen als die amtierende Regierung. Windenergie-Unternehmen dürften es unter ihm dagegen schwerer haben. Bislang sicherten von der rot-grünen Koalition eingeführte Gesetze ihre Absatzchancen. Banken und Versicherungen würden nach Einschätzung von HSBC Trinkaus & Burkhardt durch die Pläne der Union zur Altersvorsorge begünstigt. Auch Rüstungsfirmen dürften nach Einschätzung von Börsianern profitieren, da Stoiber mehr Geld für die Verteidigung ausgeben will.

Solche "Meinungskäufe" hat es nach Beobachtung der Bankgesellschaft Berlin in Deutschland immer wieder gegeben. Doch sie haben nie Ausmaße wie in den USA angenommen. Dort standen nach dem Wahlsieg von Präsident Georg W. Bush Tabak-, Rüstungs- und Ölaktien auf der Gewinnerseite. Dennoch sollten sich Anleger in Deutschland nicht auf solche Spekulationen einlassen, meint ein Händler auf dem Frankfurter Parkett. Nach der Wahl würden hier zu Lande zu viele Absichtserklärungen dem stärkeren Konsensdenken, Sachzwängen oder Finanzierungsvorbehalten geopfert.

Dennoch könnte ein Regierungswechsel die Stimmung an den Aktienmärkten zumindest kurzfristig aufhellen, meint die Bank HSBC Trinkaus & Burkhardt. Anders als die Amerikaner versprechen sich die Deutschen von einem Regierungswechsel eher neue Impulse, beobachtet Professor Wolfgang Gerke von der Universität Erlangen. Zumindest könne man die Kursentwicklung an den Börsen so interpretieren. Vor allem 1983 und 1998, als die Wahlen zu einem Wechsel der Regierungsmannschaft führten, hätten die Märkte positiv reagiert, geht aus einer Studie der Deutschen Bank hervor.

Nach dem Sieg von CDU/CSU und FDP 1983 legte der Deutsche Aktienindex Dax diesen Berechnungen zufolge bis zum Jahresende um 26,7 Prozent zu. 1998 nach dem Sieg von SPD und Grünen verbesserte sich das Börsenbarometer um 9,2 Prozent. In den Jahren, in denen die jeweils regierenden Parteien ihre Mehrheit verteidigten, verbuchte der Dax dagegen wiederholt Verluste.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%