Glosse
Vom Milchpreis und gewissen Intoleranzen

Kaum soll Milch ein bisschen mehr kosten als die vergleichbare Menge eines gehobeneren Mineralwassers, rumort es vor allem auf der linken Seite des politischen Spektrums, die um die Versorgung der weniger vermögenden Klientel mit dem Kuh-Saft fürchtet. Warum das im Grunde aber Quark ist, glossiert Barbara Gillmann .

BERLIN. Die Legende besagt, dass Marie Antoinette 1789 den darbenden Parisern empfahl, doch Kuchen zu essen, wenn das Brot so teuer sei. Die französische Königin landete auf dem Schafott. Ob die Geschichte für die Monarchin ebenso unglücklich verlaufen wäre, hätte sie angesichts hoher Milchpreise den Konsum von Wasser empfohlen? Mindestens! Das legt zumindest die deutsche Sommer-Diskussion nahe.

Kaum kostet Milch fast soviel, wie schon zu Anfang des Jahrzehnts - ohne dass das damals auch nur Hinterbänkler munter gemacht hätte - gerieren sich Politiker und Verbände, als sei der nationale Notstand ausgebrochen. Das Erwerbslosenforum schlug als erstes Alarm und forderte den "sofortigen Ausgleich für Hartz-IV-Kinder". Denn wenn die Preise um 50 Prozent stiegen, müssten die ja auf die Hälfte ihrer Milch verzichten, verrechnete sich das Forum vor lauter Aufregung.

Auch Grüne und SPD-Linke forderten eiligst die Anpassung des Hartz-IV-Regelsatzes. Um wie viel der denn genau steigen müsse, wenn der Liter Milch 10 Cent teurer wird, und ob dabei auch die voraussichtlich viel stärker steigenden Quark- und Butterpreise berücksichtigt werden müssen, sagten sie nicht. Und ob die Stütze dann wieder runtergefahren wird, wenn die Milch mal wieder billiger . . . aber lassen wir das.

Der Linkspartei, Verteidigerin aller Milchlosen, war der angedrohte exorbitante Milchproduktepreis - von dem der Handel behauptet, ihn ohnehin nicht durchsetzen zu können - der allerletzte Beweis, dass Hartz IV jetzt nun aber wirklich weg muss.

Der Agrar-Staatssekretär findet die milchigen Preisaussichten "unverschämt". "Ungerechtfertigt", legte Minister Seehofer höchstselbst nach. Einzig Christdemokraten-General Ronald Pofalla wehrte sich tapfer gegen eine sofortige Hartz-IV-Anpassung. Gut für ihn, dass es in Berlin kein Schafott gibt.

Und alles nur, weil das Reich der Mitte sich anschickt, zum Reich der Milch zu werden, und den Markt absaugt. Ministerpräsident Wen Jiabao träumt davon , jedem Schulkind täglich einen halben Liter auszuschenken, chinesische Fußballer schwören auf das neue Stärkungs-, die Damen auf das Schönheitsmittel. Danone & Co. investieren bereits kräftig vor Ort.

Merkwürdig genug: Forscher sagen, nur Europäer und Nordamerikaner vertrügen Milch. Im Rest der Welt ist Laktose-Intoleranz der Normalfall - wie übrigens auch für jedes zehnte deutsche (Hartz-IV)-Kind.

Doch bis sich unter Chinesen herumspricht, dass ihre neuen Verdauungsprobleme mit der Milch-Mode zu tun haben könnten, sollten wir positiv denken: Mit der Milch werden Eis- und Schokolade teurer. Und haben wir Deutschen nicht gerade gelernt, dass nicht nur unsere Kinder zu dick, sondern wir Erwachsene die fettesten der EU sind? Vielleicht könnte man da beim Zuckerpreis noch nachhelfen.

Aber das traut sich keiner zu fordern, seit die Grünen mit dem Schlachtruf, "fünf Mark für den Liter Benzin" zwar nicht auf dem Schafott, aber zumindest auf dem Bauch landeten.

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