Goldman Sachs: Die Baisse ist vorbei
Strategen sehen Dax im Aufwärtstrend

Mittelfristig erwarten Anlagestrategen, dass den europäischen Aktienmärkten die Luft ausgeht. Doch bis zum Sommer sehen sie zunächst weiteres Aufwärtspotenzial bei Standardwerten. Ihr Rat: Private Anleger sollten Aktien solange nicht übergewichten, bis die wirtschaftlichen Fundamentaldaten Besserung signalisieren.

FRANKFURT/M. Der Kriegsnebel hat sich gelichtet, die Optimisten scheinen an den Aktienmärkten wieder die Oberhand gewonnen zu haben. Seit der ersten Märzhälfte legte der Deutsche Aktienindex (Dax) über 30 % zu und überschritt gestern kurzzeitig die 3 000-Punkte-Marke. "Die Baisse ist vorbei", urteilt denn auch Peter Oppenheimer von Goldman Sachs. Mit neuen Tiefständen rechnen Aktienexperten jedenfalls erst einmal nicht mehr.

Ganz im Gegenteil: Für die kommenden Wochen sind die meisten Bankstrategen optimistisch. Als deutlich unterbewertet bezeichnet Oppenheimer die Aktienmärkte in Euroland. "Sie notieren derzeit gut 10 % unter ihrem fairen Wert", sagt der oberste Portfolio-Stratege von Goldman Sachs. Diese Unterbewertung könnte zur Jahresmitte wett gemacht sein, glaubt er. Denn im Gegensatz zu den großen Bärenmärkten in der Vergangenheit "haben wir keinen Preisschock, keine Bankenkrise und keine Rezession".

Am britischen Aktienmarkt sei derzeit eine Unterbewertung von 5 % zu beobachten, während in den USA die Märkte bereits wieder fair bewertet seien. Ein Dax-Niveau von 3 200 Punkten kann sich Volker Borghoff, Chefstratege von HSBC Trinkaus, bis Mitte des Jahres vorstellen. Auch Klaus Martini, Global Chief Investment Officer bei der Deutschen Bank, rechnet damit, dass sich die Erholung noch einige Wochen fortsetzt.

Danach erwarten die Aktienexperten allerdings überwiegend eine Seitwärtsbewegung. Martini kann sich sogar vorstellen, dass die Kurse zunächst wieder nachgeben, bevor ein im zweiten Halbjahr anspringendes Wirtschaftswachstum in den USA die europäischen Aktienmärkte beflügelt. "2003 wird kein schlechtes Aktienjahr", meint er.

Die Strategen von Schroder Salomon Smith Barney billigen den europäischen Aktienmärkten sogar eine Kurssteigerung von 25 % innerhalb der nächsten 12 Monate zu. "Gerade in den Bewertungen in Euroland sind bereits eine Menge schlechter Nachrichten eingepreist", begründen sie.

Pessimistischer zeigt sich Rolf Elgeti von Commerzbank Securities: Für ihn hat der Dax nach der jüngsten Rally kaum noch Luft nach oben. Für eine anhaltende Erholung an den Aktienmärkten müsste sich das fundamentale Bild der Wirtschaft stark verbessern, sagt er. Die nun anstehende Berichtssaison dürfte Anlegern einige negative Überraschungen bescheren. Zum einen könnte der relativ starke Euro Verkäufe von Firmen ins Ausland gehemmt haben. Zum anderen hält Elgeti viele der jüngsten Gewinnprognosen für zu optimistisch.

Denn Firmen dürften ihr Umsatzwachstum nur noch wenig erhöhen können, und auch bei den Margen gebe es nur geringen Spielraum nach oben. HSBC-Mann Borghoff rechnet zwar im zweiten Quartal mit guten Unternehmenszahlen. Aber mittelfristig erwartet auch er eine Seitwärtsbewegung im Dax, da die Konjunktur bis ins kommende Jahr hinein stagniere.

Privaten Anlegern raten die Experten vor diesem Hintergrund, ihren Aktienanteil im Depot vorerst neutral zu halten. Je nach Risikoneigung bedeutet dies eine unterschiedliche Aufteilung auf Aktien und Anleihen. Deutsche-Bank-Mann Martini empfiehlt einem sehr risikoscheuen Anleger aktuell, nur ein Fünftel des Depotwertes in Aktien zu investieren, den Rest in Anleihen (Grafik). Einem Anleger mit stärkerer Risikoneigung rät er zu einer umgekehrten Asset-Allokation. Ein Investor mit mittlerem Risikoempfinden sollte Martini zufolge derzeit Aktien und Bonds gleich gewichten. Ähnlich lautet der Rat von HSBC-Strategen Borghoff: 50 % Aktien, 43 % Renten, 7 % Cash.

Nach Sektoren gewichten viele Strategen derzeit Banken über. Borghoff nennt drei Gründe: Die Geldhäuser könnten auf Grund der besser laufenden Aktienmärkte ihre Umsätze steigern, Kostensenkungen griffen und deren Risikovorsorge müsste sinken, da sie bereits 2002 auf hohem Niveau gewesen sei. Borghoff nennt hier die Deutsche Bank und die Hypo-Vereinsbank. Martini rät zu großen europäischen Banken und Versicherern: "Die Branchengrößen haben ihre Hausaufgaben gemacht."

Gut gefallen den meisten Strategen derzeit techniklastige Zykliker. Vor allem Werte wie Linde und MAN profitierten davon, dass aufgeschobene Investitionen nun getätigt würden, sagt Borghoff. Auch Elgeti rät zu preiswerten, zyklischen Sektoren und nennt als Beispiel Auto, Bau, Basisstoffe und Industrie.

Oppenheimer von Goldman Sachs empfiehlt hingegen, Pharma-, Versicherungs-, Telekom -, Versorger- und Software-Aktien überzugewichten. Vor allem bei den zuletzt stark in Mitleidenschaft gezogenen Technologie- Werten sieht er weiteren Nachholbedarf.

Regional empfiehlt Martini vorwiegend Euroland-Titel. Der US-amerikanische Aktienmarkt sei noch 15 % teurer als der europäische, begründet er.

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