Gordon Brown verspielt Glaubwürdigkeit
Aus Stalin wird Mr. Bean

Die Lacher hatte der Liberaldemokrat auf seiner Seite. "Das hohe Haus hat verfolgen können, wie sich der Premier in den letzten Wochen von Stalin in Mr. Bean verwandelte", erinnerte Parteichef Vince Cable mit trockenem Sarkasmus. "Stalin", das war einmal der Spitzname für den als ruchlos geltenden Gordon Brown. Aber nun ist es anders gekommen.

LONDON. "Statt aus Chaos Ordnung, schafft er aus Ordnung Chaos", lästert Parteichef Vince Cable. Andere fühlten sich eher an Shakespeare erinnert, wie der Labour-Hinterbänkler Bob Marshall-Andrews. Schlag auf Schlag treffe Gordon Brown und verderbe ihm den Job, für den er so lange gekämpft und intrigiert habe: Das schaffe, wie bei Shakespeare, "eine Atmosphäre der Unvermeidlichkeit und des drohenden Untergangs".

Die Rolle des Vollstreckers in diesem Drama hat Oppositionsführer David Cameron. Er nahm Brown in der Löwengrube des Unterhauses über die zwei Meter Distanz des großen Pultes fest ins Visier und schlug dem Premier die Serie seiner jüngsten Pannen um die Ohren. "Nun haben wir 155 Tage mit dieser Regierung, und wir hatten Katastrophe nach Katastrophe. Einen Run auf eine Bank. Die Personendaten des halben Landes in der Post verloren. Und nun dies."

"Dies" - das ist der Skandal um 673 975 Pfund Spendengeld, das der nordenglische Unternehmer David Abrahams an Labour zahlte - über Mittelsmänner, um gegen alle Rechtsvorschriften nicht im Spendenregister zu erscheinen. "Ich soll einen Scheck über 25 000 Pfund geschrieben haben, an Labour?" fragte erstaunt eine gewisse Janet Dunn, Frau eines Abrahams-Mitarbeiters, die ihr Leben lang konservativ wählte. "Das macht mich gar nicht froh."

Dann steuerte Cameron auf das Crescendo zu. Rot vor Eifer und Empörung warf er Brown Selbstgefälligkeit und Inkompetenz vor, zog seine Integrität in Zweifel und rief ins kochende Parlament: "Hat dieser Mann vielleicht nicht das richtige Zeug für den Job?"

So machen die Briten wieder einmal Politik auf dem Niveau von Tragikomödien. Brown spielt dabei allerdings keinen sehr heroischen Part. Es wirkt ziemlich kläglich, als er im Getöse des Unterhauses krächzt: "Ich bin bereit zu handeln" - gerade als das ganze Land sieht, dass ihm das Heft des Handelns aus der Hand genommen wurde.

Denn nun steht wieder die Polizei vor der Nummer 10 Downing Street. Abgeordnete, die nicht damit einverstanden sind, dass Brown den Spendenskandal durch einen pensionierten Bischof und einen ehemaligen Richter untersuchen lassen will, riefen gestern nach "Yates of the Yard". Chefinspektor John Yates hat vor nicht allzu langer Zeit die Untersuchung von Tony Blairs großer Spendenaffäre abgeschlossen. Der Liberaldemokrat Chris Huhne erstattete bereits Anzeige.

Eine neue Wende nahm die Krise am Dienstagabend im Nachtprogramm der BBC. Spender Abrahams wurde per Telefon aus Newcastle in die Sendung "Newsnight" eingeschaltet. Wann er zum letzten Mal Kontakt mit Gordon Browns neuem Spendenbeschaffer, Jon Mendelsohn, gehabt habe, fragte Interviewer Jeremy Paxman arglos. "O, gerade heute um halb eins habe ich einen Brief von ihm erhalten", flötete Abrahams. Er und Mendelsohn sind einmal in der Gruppe "Labour Friends of Israel" aneinander geraten, und so war unklar, ob Abrahams nun aus Naivität oder Rachelust begann, Mendelsohns Brief vorzulesen.

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