Gordon Brown
„Welcome, Prime Minister!“

Unter den Augen der Fernsehkameras wurde der Möbelwagen der Blairs beladen. Kurz vor dem Lunch trug man die letzten Anzüge des Premiers heraus. Dann fuhren Tony und Cherie zum Buckingham-Palast, um den Rücktritt zu ersuchen. Nun kümmert sich Gordon Brown und Great Britain, und Tony Blait macht Weltpolitik.

LONDON. Regenwolken ziehen über der Downing Street auf, als Großbritanniens neuer Premier, James Gordon Brown, sichtlich nervös vor der Hausnummer 10 ans Mikrofon tritt und alle Kraft in seiner Stimme zusammennimmt. Stark, sicher, resolut werde er regieren, verspricht er den Briten und gelobt eine neue Politik. "Wenn wir das Potenzial und das Talent all unserer Menschen verwirklichen, werden wir Großbritannien zur großen Erfolgsstory dieses Jahrhunderts machen." Sieben Mal spricht er mit fester Stimme das Zauberwort aus: "Change". Dann ist es genug mit der Kernigkeit. Brown endet mit seinem Schulmotto: "Ich werde mein Bestes versuchen."

Im Buckingham-Palast hatte die Queen den Schatzkanzler zuvor in einen Premier verwandelt. Das dauerte 55 Minuten. Kniete Brown nieder wie im Film "The Queen" und küsste der Königin die Hand, als sie ihn aufforderte, ihre Regierung zu bilden? Schwerlich. Aber Audienzen sind strikt vertraulich, und niemand weiß wirklich, wie es geht. In Margaret Thatchers Memoiren steht nur, dass die Queen bei solchen Angelegenheiten "quietly businesslike" vorgeht. In der "ruhigen Geschäftsmäßigkeit", mit der sie neue Prime Minister ernennt, sind die letzten Reste ihrer Macht verkörpert.

Nach der Audienz fuhr Brown, der in seinem alten, roten Schatzkanzler-Vauxhall vorgefahren war, im "Pegasus" wieder davon. So heißt der schwer gepanzerte Jaguar des Premiers bei den Muskelmännern, die allein seine Türen öffnen und schließen können. Brown schnallte sich an - im Gegensatz zu seinem Vorgänger Tony Blair, der eine halbe Stunde zuvor bei der Queen gewesen war und der den Gurt verachtete. Aber Brown ist eben ein Mann, der nichts dem Zufall überlässt. Er weiß, dass ihm eine riskante Fahrt bevorsteht.

Der Wachwechsel in der Downing Street ist ein gnadenloses Zeremoniell. Am Morgen wurde unter den Augen der Fernsehkameras der Möbelwagen der Blairs beladen. Kurz vor dem Lunch trug man die letzten Anzüge des Premiers heraus, bevor sich Tony, Cherie und die Kinder den Fotografen stellten. So wie 1997 bei ihrem Einzug, nur dass es jetzt mehr und größere Kinder waren. Dann fuhren Tony und Cherie zum Buckingham-Palast, um den Rücktritt zu ersuchen. "Welcome, Prime Minister", begrüßte ihn die Queen. Als er wieder ging, sagte sie: "Goodbye, Mr. Blair."

Zuvor hatte Blair in seiner letzten Fragestunde im Unterhaus Rede und Antwort gestanden. Entgegen aller Gewohnheit erhoben sich die Parlamentarier aller Parteien zum Schluss von ihren Sitzen und applaudierten dem großen Premier. Blair gedachte zum letzten Mal der in dieser Woche gefallenen Soldaten. "Sie sind die Tapfersten, und sie sind die Besten", sagte er und fügte - zum ersten Mal im Unterhaus - ein "sorry" hinzu. "Sorry für die Gefahren, die unsere Soldaten im Irak auf sich nehmen müssen. Aber sie kämpfen für unser Land und für die Welt überhaupt." Oppositionschef David Cameron gab Blair Gelegenheit, ein paar Sätze zu seiner neuen Rolle als Nahost-Beauftragter zu sagen, die ihm gestern offiziell übertragen wurde. Dann beendete er seine Fragen mit einer kleinen Laudatio: "13 Jahre hat er seine Partei geführt, zehn Jahre hat er unser Land regiert. Vieles, wie der Frieden in Nordirland oder seine Arbeit für die Entwicklungsländer, wird Bestand haben."

Zuletzt erinnerte Blair an den Nervenkitzel, den er zehn Jahre lang vor der wöchentlichen Fragestunde verspürte: "In dieser Angst liegt der Respekt vor dem Parlament." Hinter ihm saß die alte Garde, die nun mit ihm abtritt. Außenministerin Margaret Beckett hatte Tränen in den Augen. Dann wünschte er "Freund und Feind" alles Gute und sprach seine letzten öffentlichen Worte als Premier: "Das war?s. Ende."

Noch ein paar Stunden war Blair nach seinem Rücktritt einfacher Hinterbänkler. Am Abend wollte er in seinem Wahlkreis in England auch seinen Rücktritt als Parlamentarier bekannt geben. Er ist der erste Premier, der so abrupt die politische Bühne seines Landes verlässt. Ohne Amt ist Großbritannien für ihn nun zu klein. Seine Bühne ist jetzt die weite Welt. Großbritannien gehört Brown.

Matthias Thibaut ist Korrespondent in London.
Matthias Thibaut
Handelsblatt / Korrespondent
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