Gore spricht über Klimawandel
Eine Frage der Moral

Es gibt Momente, da erlebt man einen Menschen, der auf einen Knopfdruck hin Charisma versprüht. Al Gore ist so ein Mensch und sein Auftritt in Berlin ist so ein Moment: Auf Einladung des Stromkonzerns EnBW zelebriert der Klimapapst, Friedensnobelpreisträger und Fast-Präsident Al Gore eine Messe - mit einer noblen Botschaft.

BERLIN. Nachdem der Friedensnobelpreisträger eine Stunde geredet hat, würde man sich nicht wundern, wenn er von der Bühne stiege und seinen Zuhörern zuriefe: "Ich werde jetzt das Wasser teilen und euch ins gelobte Land führen!" - und der ganze Saal ihm begeistert in die Spree folgte.

Zum Glück hat Gore es nicht versucht, sonst hätte der Versorger EnBW jetzt keinen Vorstand mehr und die Bundeshauptstadt keine B- und C-Prominenz. Das ist das Bewundernswerte am früheren US-Vizepräsidenten: Er steht vor Leuten, die nicht gerade die politischen Topentscheider der Republik sind, in einem Zelt, das auch nicht die gediegenste Location von Berlin ist, doch er redet, als stünde er vor der Vollversammlung der Vereinten Nationen.

Er spricht über den Klimawandel, aber seine Botschaft ist nobler, sie handelt davon, dass Menschen über sich selbst hinauswachsen und den Globus retten können. 2 000 Mal hat er diesen Vortrag gehalten. Auch wenn man das weiß und den Witz "I used to be the next President of the US" (lautes Lachen), Räuspern, "I don?t think that?s particularly funny" (noch lauteres Lachen) schon dreimal gehört hat: Nach spätestens zehn Minuten vergisst man den Wiederholungseffekt, weil der schlagkräftigste Wanderprediger des Klimaschutzes sich so in Rage redet, dass keine Geste und keine Formulierung abgetragen oder routiniert wirkt. "Die Eiskappe des Nordpols schmilzt viel schneller, als wir erwartet haben. Sie könnte schon in 23 Jahren komplett verschwunden sein", ruft Gore in einem Ton, als hätte er soeben noch mal persönlich nachgemessen. Natürlich kennen seine Zuhörer alle Fakten, wenn sie es nicht wussten, konnten sie es in ihren Kongressmappen nachlesen. Trotzdem hängen sie an seinen Lippen, als wäre Gore ein Arzt, der ihnen gerade eröffnet, dass sie leider Krebs haben, er sie aber heilen werde.

Gore kann auf Bestellung den Erlöser geben. Zumindest erlöst er von Mutlosigkeit. Bestellt hat in diesem Fall EnBW, und das Engagement hat mit seiner ganzen langen Vorgeschichte etwas von einem Kräftemessen. Jeder scheint vom anderen zu denken, dass man einen langen Löffel braucht, wenn man mit dem Teufel isst. Der Energiekonzern zahlt Gore einen Stundenlohn von fast 180 000 Euro, darüber ist viel geschrieben worden. Dafür will er eine gute Performance einkaufen.

Gore seinerseits weiß, dass der Energiekonzern ihn benutzen will: Die Deutschen sollen nicht mehr an die vielen Atommeiler denken, die EnBw betreibt, und noch weniger an die hohen Strompreise, wenn sie das blau-gelbe Logo sehen, sondern an ein freundliches Unternehmen, das den Klimapapst nach Deutschland geholt hat.

Weil Gore weiß, dass er instrumentalisiert wird, sichert er sich ab: Minutiös kontrolliert er die Pressekommuniqúes, die Fotos, die gemacht werden und die Passagen seines Auftritts, die zitiert werden dürfen. Und er lässt sich den Schneid nicht abkaufen: Über Atomkraft denke er nicht sehr enthusiastisch - mehr lässt er sich zu dem Thema nicht entlocken. Dafür besteht er darauf, dass Energieversorgung unbedingt dezentral organisiert werden müsse. Starker Tobak für einen Konzern, der mit zentralisierter Stromerzeugung sein Geld verdient.

Obendrein schwant dem neuen Vorstandschef Hans Villis, -Peter dem etwas von Gores rhetorischem Feuer guttäte, dass mit dem Nobelpreis das Gore-Honorar des kommenden Jahres steigen dürfte. Aber wer wird ans Geld denken, nachdem er die wichtigste These des US-Stars verinnerlicht hat: "It?s a moral issue!"

Thomas Hanke
Thomas Hanke
Handelsblatt / Korrespondent in Paris
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