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Graue Mäuse

Einige Aktien am Neuen Markt stehen zu Unrecht außerhalb des Rampenlichts. Sie machen Gewinn, besitzen gute Produkte und ein solides Management.

23.5.2001 So sehen vorläufige Happy Ends aus: Als vergangene Woche die neue Finanzspritze unter Dach und Fach war, ging ein Aufatmen durch die Zentrale des Internethändlers Letsbuyit.com. Keiner weiß, ob es das ungewöhnliche und offensichtlich nicht recht funktionierende Geschäftsmodell des "Power-Shoppings" ist oder das Markenzeichen, die Ameise, die das Unternehmen für Investoren so reizvoll macht. Auf jeden Fall will der neue Geldgeber Shmulik Stein International Investments Ltd. (SSII) insgesamt 30 Millionen Euro in das am Neuen Markt gelistete Unternehmen pumpen, das schon seit Monaten am Rand einer Pleite steht.

Dabei mangelt es an der Frankfurter Wachstumsbörse wahrlich nicht an Alternativen. Es gibt einige Gesellschaften, die solide, aber unauffällig wirtschaften oder dabei sind, den Turn- around zu schaffen. Oft fehlt nur noch die passende Story, damit die Börse aufmerksam wird. Clevere Anleger warten nicht so lange und kaufen frühzeitig.

Zum Beispiel Höft & Wessel. Vor zwei Jahren rutschte der Spezialist für mobile Datenerfassung und Ticketautomaten in die roten Zahlen. Er hatte schlicht und einfach auf das falsche Pferd gesetzt. Anders als erhofft, setzte sich die Geldkarte in Deutschland nicht durch. Das Unternehmen hatte die falschen Produkte im Sortiment. Doch der Wechsel des Managements und ein Bündel von Neuentwicklungen scheint in diesem Jahr die Wende zu bringen (siehe Kasten). "Es hapert allerdings noch an der Profitabilität", weiß Ernst Scheerer, Analyst bei Dresdner Kleinwort Benson. "Doch im Moment spricht alles dafür, dass das Unternehmen auf absehbare Zeit seine alte Ertragskraft wieder zurückgewinnt", sagt Scheerer.

Große Hoffnungen setzen die Analysten dabei auf den von Höft & Wessel entwickelten Minicomputer mit Internetzugang. "Der verspricht ein Renner zu werden", glaubt Alexander Kitz vom Analystenhaus Performaxx. "Allerdings ist die Prognostizierbarkeit der Wachstumsraten in solchen Nischenmärkten und bei solchen Spezialprodukten sehr schwierig," sagt Kitz.

Ein Oldie am Neuen Markt ist WET Automotive. Schon seit 1998 ist die Aktie hier notiert. Bislang konnten sich die Anleger allerdings nicht so recht für den Hersteller von Autositzheizungen erwärmen. Die Aktie wird nur knapp über dem Ausgabepreis von 27,50 Euro gehandelt. Für viele Analysten ist das unverständlich, denn WET gilt als einer der wenigen Substanzwerte am Neuen Markt. Der Krise in der Automobilindustrie konnte der Weltmarktführer bislang erfolgreich trotzen. Umsatz und Ergebnis wachsen kontinuierlich. Im Geschäftsjahr 1999/2000 erzielte WET einen Umsatz von 111 Millionen Euro, der Gewinn vor Zinsen und Steuern (Ebit) betrug 13,7 Millionen Euro. Für das Geschäftsjahr 2000/2001 rechnen Analysten mit einem Umsatz von 125 Millionen und einem Ebit von 15 Millionen Euro. "Da die Absatzlage schwierig ist, versuchen die Autohersteller die Kunden mit Zusatzausstattungen wie Sitzheizungen zu locken, davon profitiert WET", sagt Analyst Thorsten Zimmermann von HSBC Trinkaus & Burkhardt. Neuentwicklungen wie Klimasitze könnten für neue Phantasie sorgen. Sein Kursziel: 31 Euro.

Mauerblümchen mit Substanz gibt es auch im schillernden Medienbereich. Selten im Blickpunkt steht etwa der Frankfurter Trickspezialist Das Werk. Auch wenn die jüngsten Quartalszahlen auf den ersten Blick nicht berauschend ausgefallen sind, loben Analysten das Geschäftsmodell und das solide Management (siehe Kasten). Im Gegensatz zu vielen Unternehmen der Branche versuchen sich die Frankfurter kaum im immer schwieriger werdenden Handel mit Filmrechten, sondern verstehen sich als Mediendienstleister. Zur Kernkompetenz zählt die digitale Bildbearbeitung. Das "Brot- und Buttergeschäft" ist die Postproduktion von Werbespots, die circa 70 Prozent des Umsatzes ausmachen und nach Unternehmensangaben auch bei zurückgehenden Werbeausgaben gefragt sind. Das Werk produziert über die von Wim Wenders gegründete Tochter Road Movies aber auch selber Filme.

Wie wichtig offene Kommunikation für einen Erfolg am Kapitalmarkt ist, zeigt das Beispiel Kinowelt. Dem Filmrechtehändler nehmen es Analysten übel, dass er über die ebenso enttäuschenden wie überraschenden Jahreszahlen erst spät informiert hat.

Negativ in die Schlagzeilen geraten ist auch Evotec. Dabei war der Wechsel von Vorstand und Gründer Karsten Henco bereits seit längerem geplant, aber wohl schlecht vorbereitet. Das verunsicherte die Börse. Evotec ist Dienstleister für die Pharma-Industrie und forscht nach Wirkstoffen für neue Arzneimittel. Dabei deckt das Unternehmen alle Schritte in der Entwicklung von Pharmaprodukten ab. Evotecs Trumpf ist die hauseigene Mess- und Screeningtechnologie. Mit dem Kauf der Oxford Assymmetry International verfügt die Gesellschaft jetzt auch über das notwendige biochemische Know-how. "Langfristig wird das Konzept aufgehen", glaubt Karl-Heinz Scheunemann von Metzler Equities. Lediglich der Kaufpreis erscheint angesichts der deutlich gesunkenen Bewertungen für Biotechnologieunternehmer vielen Experten als zu hoch. Über 430 Millionen Euro muss Evotec als Firmenwert abschreiben. Mit schwarzen Zahlen ist daher in den nächsten zwei bis drei Jahren nicht zu rechnen. Erst dann wird das große Geld verdient - aber nur, wenn sich bald auch ein paar bekannte Namen in der Kundendatei einfinden. "Das Problem ist, dass die großen Pharmakonzerne ähnliche Abteilungen im Hause haben", erläutert Scheunemann, "Die müssen sich erst darüber im Klaren werden, was ihnen die Zusammenarbeit mit Evotec bringt. Das braucht seine Zeit." Dennoch ist er zuversichtlich, dass noch in diesem Jahr ein Deal mit einer großen, globalen Pharma-Adresse zu Stande kommt. Wenn dabei ein Erfolg versprechender Entwicklungsansatz herauskommt, dürfte das der Durchbruch für die Evotec-Technologie sein - und für die Aktie.

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