Grenzüberschreitende Bankenfusionen machen auf dem Papier viel Sinn, aber niemand will den Anfang machen
Europas Banken zögern mit Fusionen

In den Sandkastenspielen vieler Investmentbanker steht eine große, internationale Bankenfusion in Europa kurz bevor. Doch die potenziellen Kandidaten winken ab: Sie haben derzeit andere Sorgen.

FRANKFURT/M. Deutsche-Bank-Chef Rolf-E. Breuer ist für kernige Aussagen bekannt. Mit seiner Prognose, die erste große grenzüberschreitende Bankenfusion in Europa stehe kurz bevor, ließ er vor wenigen Tagen aufhorchen. Vor allem die Banken in Spanien, Frankreich und England hat er auf der Liste, da sie in ihren Heimatländern an die Grenzen des Wachstums stoßen.

Tatsächlich ist die Bankenkonsolidierung in manchen Ländern so weit fortgeschritten, dass weitere nationale Fusionen kaum noch Sinn machen würden. Vor allem in Skandinavien gab es auch schon grenzüberschreitende Fusionen, doch spielen die nördlichen Banken in Europa in der zweiten Liga. Aus dem Kreise der wirklich großen Banken sieht sich dagegen kaum jemand als Kristallisationspunkt weiterer Fusionen - und das oft aus gutem Grund.

So gelten englische Banken trotz ihres hohen Börsenwertes schon deshalb nicht als heiße Kandidaten für eine Fusion über Landesgrenzen hinweg, weil sie sich mit dem Kauf von renditeschwächeren Instituten vom Kontinent die eigenen Margen verwässern würden. "Die Banken dürften sich schwer tun, das vor ihren Aktionären zu rechtfertigen", sagt Edgar Betteridge, Analyst der Investment-Bank Fox-Pitt, Kelton. Nur in Ausnahmefällen wie beim Kauf der spezialisierten französischen Bank CCF durch HSBC hätten Transaktionen über Landesgrenzen Sinn. Selbst bei dem drittgrößten Kreditinstitut Lloyds TSB, das sich kürzlich noch der Deutschen Bank genähert hatte, zweifelt Betteridge am Sinn einer Fusion: "Eine Fusion wäre ein kompletter Schwenk in der Firmenstrategie gewesen."

Zurückhaltung in Frankreich

Die französischen Banken winken ebenfalls ab. Beim Branchenprimus BNP Paribas stehen die Zeichen auf interne Konsolidierung. Der Kauf von Consors macht eine Neuordnung der elektronischen Bankdienstleistungen erforderlich. Dazu kommt, dass sich das Institut gerade erst in Kalifornien verstärkt hat. Nach Einschätzung von Analysten wird sich auch Société Générale, (SG) die sich von ihrer Schwächephase nach dem Übernahmeversuch durch BNP erholt hat, mit Verbindungen über Grenzen hinweg noch einige Zeit zurückhalten. Zwar ist sich Vorstandschef Daniel Bouton mit Breuer einig, dass sich die erste größere Bankenehe auf besonders synergieträchtige Geschäftsfelder beschränken würde. Doch sieht Bouton derzeit keine zwingende Gelegenheit - schon gar nicht mit der Deutschen Bank, wie Analysten es SG immer wieder andichteten.

Die spanischen Großbanken Santander Central Hispano (SCH) und Banco Bilbao Vizcaya Argentaria (BBVA) wiederum sind mehr mit ihren Problemen in Argentinien als mit Fusionsprojekten beschäftigt. Doch lassen sie keinen Zweifel daran, dass sie Europa bei ihren Wachstumsplänen berücksichtigen. Vor allem Italien gilt als attraktiver Markt: So hält BBVA bereits 15 % an der Banca Nazionale del Lavoro (BNL), SCH ist an Sanpaolo IMI beteiligt. Als hinderlich erweist sich aber die Blockade durch die italienische Zentralbank, die den Einfluss von Ausländern im Land beschränken will.

Auch die Benelux-Banken gelten zwar in den Gedankenspielen von Investmentbankern als Fusionskandidaten. Die Bankenchefs selbst sehen dies anders. Als Pionier realisierte die niederländisch-belgische Fortis 1990 den ersten grenzüberschreitenden Zusammenschluss. Die nächste internationale Fusion sei eine Frage von Jahren, meinte Fortis-Vorstandschef Anton van Rossum unlängst. Die 15 Institute mit etwa derselben Größe hätten sehr divergierende Strategien, begründete er seine Skepsis. Auch ING-Vorsitzender Ewald Kist erwartet eine große europäische Ehe eher mittel- bis langfristig. Bei ABN Amro schließlich bemängeln Analysten das Fehlen einer strategischen Vision. Die Bank gab den Anspruch als Global Player auf, lässt aber unklar, ob sie für eine Fusion in Europa zur Verfügung steht.

Skandinavier als leichte Beute

Aus dem Rennen scheinen dagegen UBS und CSFB, die zu den Banken mit dem höchsten Börsenwert in Europa zählen. Sie selbst haben kein Interesse am Kauf einer europäischen Großbank, sind ihrerseits aber viel zu teuer, als dass sie geschluckt werden könnten.

Eher als Opfer einer Übernahme denn als Käufer gelten die skandinavischen Banken. Doch Mikael Hallåker, Analyst bei Handelsbanken, sieht einen solchen Schritt nicht unmittelbar bevorstehen. "Die Banken in Mitteleuropa haben noch so viel auf ihren Märkten zu tun, dass ein Einstieg in Nordeuropa nicht logisch erscheint". Und in Italien scheiterten die Fusions-Bemühungen ausländischer Institute bisher stets am Veto des Zentralbankgouverneurs Antonio Fazio - wie kein anderer Bankenaufseher in Europa besitzt er die Macht, strategische Entscheidungen der heimischen Institute zu torpedieren.

Quelle: Handelsblatt

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