Griechenland will uranhaltige Munition entsorgen
Nato und EU beraten über „Balkan-Syndrom“

ghö/kri ATHEN/DÜSSELDORF. In Brüssel berät heute der Nato-Rat auf Antrag Italiens über das "Balkan- Syndrom". Die Regierung in Rom hatte bereits im Dezember Aufklärung über den Einsatz uranhaltiger Munition gefordert, nachdem die ersten Fälle von Soldaten bekannt geworden waren, die nach dem Einsatz in Bosnien und Kosovo an Leukämie gestorben waren. Unterstützt wird sie unter anderem auch von der Bundesrepublik: Bundeskanzler Gerhard Schröder erklärte gestern, der deutsche Vertreter im Nato-Rat sei angewiesen, die italienische Position mit zu tragen.

Eine Zusammenstellung der Flugeinsätze über dem Kosovo hat die Nato bereits vorgelegt, die Liste über die Einsätze in Bosnien soll bis heute fertig sein. Nato-Generalsekretär George Robertson hatte der Regierung in Rom außerdem zugesagt, das Bündnis werde künftig Informationen über mögliche Gesundheits- und Umweltrisiken transparenter gestalten.

In die Aufklärung des Verdachts, dass zwischen den Krebserkrankungen und der Verwendung uranhaltiger Munition ein Zusammenhang besteht, schaltet sich heute in Brüssel auch die EU ein. Robertson fährt zudem am Donnerstag zu Gesprächen mit der schwedischen EU-Ratspräsidentschaft nach Schweden. Carla Del Ponte, die Chefanklägerin des Kriegsverbrechertribunals in Den Haag, will Akten über den Nato-Einsatz im Kosovo-Krieg freigeben. Sie hatte das Material gesammelt, um mögliche Klagen gegen die Nato wegen der Bombenangriffe auf Serbien zu untersuchen.

Uno-Wissenschaftler untersuchen Bodenproben

Gestern ordnete nach Belgien, Spanien, der Schweiz und der Ukraine auch Portugal Reihenuntersuchungen seiner Soldaten an, die auf dem Balkan stationiert waren. In elf europäischen Ländern wurden Leukämie-Fälle gemeldet.

Anfang März soll ein Bericht der Uno-Umweltorganisation Unep veröffentlicht werden, nachdem Wissenschaftler im November Uranproben in zwölf Ortschaften im Kosovo entnommen hatten, wo uranhaltige Munition eingesetzt worden war.

In Griechenland forderte gestern der konservative Oppositionsführer Kostas Karamanlis den Abzug des griechischen Kfor-Kontingents aus dem ehemaligen Jugoslawien. Der sozialistische Verteidigungsminister Akis Tsochatzopoulos dagegen sieht vorerst keinen Anlass für einen einseitigen Rückzug. Er will zunächst die Ergebnisse weiterer Untersuchungen abwarten.

Ein Team griechischer Experten brach am Montag in den Kosovo und nach Bosnien auf, um an den dortigen Stationierungsorten der griechischen Einheiten die Strahlenbelastung zu messen und die Soldaten zu untersuchen.

Projektile liegen auf dem Grund der Ägäis

In Bosnien und im Kosovo waren bisher nacheinander rund 5 100 griechische Soldaten stationiert. Derzeit sind 1 600 dort. Es handelt sich ausschließlich um Freiwillige. Nach offiziell nicht bestätigten Informationen aus dem Athener Verteidigungsministerium sollen in den vergangenen Tagen etwa 280 Soldaten ihre Rückversetzung nach Griechenland beantragt haben.

Griechenland will außerdem alle uranhaltige Munition in seinen Streitkräften durch normale Geschosse ersetzen und entsorgen. Verteidigungsminister Tsochatzopoulos erklärte gestern, auch die griechische Kriegsmarine habe in der Vergangenheit Geschosse mit einer Ummantelung aus angereicherten Uran verwendet. "Wir werden sie sicherheitshalber alle ersetzen", sagte Tsochatsopoulos.

Es handelt sich um 50 000 im Jahre 1990 angeschaffte Projektile für Phalanx-Geschütze auf sechs griechischen Fregatten. Rund 40 000 davon sind während der vergangenen Jahre bei Übungen verschossen worden und liegen nun auf dem Grund der Ägäis und des ionischen Meeres.

Messungen an noch eingelagerten Projektilen des gleichen Typs sollen jetzt klären, ob von der im Meer versenkten Uran-Munition Gefahren ausgehen.

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