Größe und Ausrichtung des Brokerhauses scheinen der Größe und dem Potenzial des Markts nicht mehr angemessen – 10 000 Arbeitsplätze auf dem Prüfstand
Merrill Lynch vor schmerzhaftem Umbau

Die Absatzeinbrüche im globalen Wertpapiergeschäft zwingen das größte US-Brokerhaus zu mehr als drastischen Sparmaßnahmen. Merrill-Chef O?Neal stellt die gesamte Geschäftsstrategie auf den Prüfstand.

sia/nw NEW YORK/FRANKFURT. Das größte US-Brokerhaus Merrill Lynch steht vor der größten Spar- und Umstrukturierungsmaßnahme seiner 86- jährigen Firmengeschichte. Wie das Wall Street Journal aus Unternehmenskreisen erfuhr, werden zurzeit Sparmaßnahmen entwickelt, die zum Abbau von bis zu 10 000 Arbeitsplätzen (15 % aller Merrill-Lynch-Mitarbeiter) und zum Rückzug aus mehreren wichtigen Geschäftsbereichen führen könnten. Konkret sucht das Top-Management den Informationen zufolge nach Einsparpotenzial von 1,4 bis 1,7 Mrd. $ in vier Geschäftsbereichen: Institutional Securities, International Brokerage, US-Brokerage und Asset-Management. Bei den Beschäftigtenzahlen soll das Niveau von 1997 (59 700 Mitarbeiter) angepeilt werden - oder auch unterschritten werden.

Unter dem neuen Unternehmenschefs E. Stanley O?Neal untersucht das Top-Management derzeit, ob Merrill Lynch sein Kerngeschäft - das Brokerage-Geschäft - in Ländern wie Japan, Kanada, Australien und Indien überhaupt noch im bisherigen Umfang anbieten soll. Auf dem Prüfstand stehen aber auch bedeutende Geschäftsbereiche in den USA, wie die Vermögensverwaltung (Asset Management), der Wertpapierhandel und Investment-Banking.

Die Untersuchungen stehen erst am Anfang. Noch ist nicht abzusehen, welche Geschäftsbereiche am härtesten betroffen sein werden. Klar ist aber bereits, dass die Einschnitte zu einer deutlichen Verkleinerung des Unternehmens führen sollen. Das Brokerhaus hatte seine Mitarbeiterzahl über die vergangenen vier Jahre um über 14 % aufgestockt. Heute beschäftigt es 68 200 Mitarbeiter. In diesem Jahr wurden bereits 3 800 Jobs abgebaut.

"Angesichts der Umsatzeinbrüche unterziehen wir alle Geschäftsbereiche einer Revision, um sicher zu stellen, dass sie den Marktmöglichkeiten entsprechen" gab Merrill in einer offiziellen Stellungnahme bekannt. "Die Entscheidungen werden aber in den einzelnen Geschäftsbereichen getroffen. Eine Zielmarke für den Stellenabbau im gesamten Unternehmen gibt es nicht."

Der Fall Merrill verdeutlicht, in welcher Zwangslage sich die Wall - Street-Firmen zurzeit befinden. Diese ist keineswegs allein die Folge des Terroranschlags auf das World Trade Center. Bereits vor dem 11. September war das Brokerage-Geschäft deutlich eingebrochen. Angesichts der Unsicherheiten auf den Welt-Finanzmärkten haben viele Investoren ihre Anlageaktivitäten auf Eis gelegt. Seit dem 11. September aber kommen auf die Wall-Street-Firmen enorme Kosten zu: Es müssen Ausweich-Quartiere gefunden werden, da viele Büros oder gar ganze Firmensitze entweder komplett zerstört oder stark beschädigt sind. Im Fall Merrill schätzen Analysten, dass das Ergebnis für das dritte Quartal 2001, das am heutigen Donnerstag veröffentlicht werden soll, 56 % unter dem Vorjahresquartals liegen wird.

Einschnitte haben viele Wall-Street-Firmen schon vor dem 11. September gemacht: Discount-Broker Charles Schwab strich 3 900 Jobs, Morgan Stanley 1 500, Bear Stearns 346. Im September kündigte Credit Suisse First Boston an, 2 000 Stellen zu streichen, Goldman Sachs denkt über 400 nach, nachdem bereits 150 Investmentbankern entlassen worden sind.

Merrill denkt in dieser schwierigen Situation aber nicht nur über sparen nach: Auch die gesamte Unternehmensstrategie wird überdacht. Will man in Zukunft weiterhin breit gefächert Brokerage-Dienstleistungen einer breiten Kundenschicht anbieten? Oder will man sich auf wenige, profitable Bereiche konzentrieren? Seit den späten 80er Jahren ist Merrill weltweit expandiert. In Japan, Indien, Australien und Kanada wurden Brokerhäuser übernommen. Hier werden nun die größten Einschnitte erwartet. Beschlossen ist offenbar bereits, dass die Geschäftsleitung des japanischen Retail-Brokerage-Geschäfts nach New York zurück geholt wird. Die Banker in Deutschland dürften weitgehend verschont bleiben. Hier zu Lande sieht man mittel- bis langfristig große Wachstumspotenziale. Merrill beschäftigt in Deutschland in den Sparten Anleihen, Privatkunden und Investment-Banking rund 370 Mitarbeiter.

Auf dem US-Markt steht die Strategie auf dem Prüfstand: Hier hatte Merrill sich zum Ziel gesetzt, den Emissionsmarkt auf allen Feldern zu dominieren, und zwar auch in den Feldern, wo kaum Profite zu erzielen sind. Um prominente Emissionsaufträge an Land zu ziehen, wurden sogar Verluste in Kauf genommen. Dies kann Merrill sich nun angesichts der Umsatzeinbrüche nicht mehr leisten. "Im Moment erscheint es uns klüger, wenn Merrill sich auf einige wenige Bereiche konzentriert, diese aber dafür gut macht", sagte ein Top-Manager dem Wall Street Journal.

"Unser Unternehmen und die gesamte Branche scheinen eindeutig zu groß zu sein", hatte Merrill-CEO David Komansky vergangenen Mittwoch seinen Brokern gesagt.

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