Größte Sorge gilt der Krankenversicherung
Reformschock im Rentnerparadies

In Spanien fürchten Hunderttausende deutscher Senioren Sozialkürzungen.

DÉNIA. Wer hier lebt, sollte nicht mit dem Schicksal hadern. 24 Grad verspricht die Wetterkarte der "Costa Blanca Zeitung". Die Sonne scheint noch im Oktober kräftig, die Luft duftet nach Blumen, es gehen mehr warme als kalte Winde, und auch wenn es mal regnet - in der alten Heimat ist es immer kälter: "Werfen wir den Blick schaudernd nach Berlin: Wir sehen eine nächtliche Temperatur von 2 Grad über null. Tagsüber: 12 Grad, heiter bis regnerisch."

Solche Nachrichten kommen gut an bei den Tausenden Deutschen, die hier an der spanischen Mittelmeerküste leben; die Meldungen wirken wie eine Droge, mindestens wie eine Selbstbestätigung für den Entschluss, Deutschland den Rücken gekehrt zu haben. Denn manchmal bricht die Wirklichkeit aus der alten Heimat ins schöne neue Leben ein, etwa wenn deutsche Rentenbescheide in spanischen Briefkästen landen, mit Inhalten, die so schnell niemand versteht. "Hier", ruft ein rüstiger Endsechziger und wedelt aufgeregt mit einem Stück Papier, "hier steht, wenn ich irgendwann nach Deutschland zurückgehe, dann wird meine Rente neu berechnet. Was heißt denn das? Bekomme ich dann weniger Geld?"

Aufruhr in der Rentnerkolonie: Vom deutschen Winter bleiben die Wahl-Spanier verschont, doch die Rentendiskussion in deutschen Landen hat sie auch 2 000 Kilometer weiter südlich eingeholt. "Natürlich", bestätigt Rentner Manfred Appel, "wir verfolgen alles im Fernsehen." Die große Sorge treibt sie um, dass sie irgendwann einmal schlechter gestellt werden könnten als ihre in Deutschland zurückgebliebenen Altersgenossen. Appel schließt nichts aus, nicht bei "dieser Regierung, die jeden Tag eine neue Sau durchs Dorf treibt". Spätestens seit die "Bild"-Zeitungskampagne um "Florida-Rolf" den Kanzler zu Leistungskürzungen für Sozialhilfeempfänger im Ausland trieb, hat der Mann Grund zu seiner Annahme.

Deswegen ist Appel heute hier, in diesem schmucklosen Bau an der Hauptstraße in Dénia, Richtung Autobahn, mit ungefähr einhundert weiteren Rentnern, die in ihren kurzen Hosen und Sandalen fast alle entspannt, aber ziemlich unelegant daherkommen. Die Bundesversicherungsanstalt für Angestellte (BfA) hat zur Beratung geladen, und der Schwabe Appel schaut samt seiner Frau Inge gern vorbei; schließlich ist sonst "die Möglichkeit der Information", wie er sagt, "stark eingeschränkt".

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