Größter Bankrott in der US-Wirtschaftsgeschichte droht
Tiefer Fall eines Riesen

Gestern noch die Nummer eins - heute kurz vor der Pleite. So stellt sich derzeit die Lage für den US-Energiekonzern Enron dar, nachdem der Rivale Dynegy am Mittwoch sein Kaufangebot zurückzog. Damit bleibt Enron, bisher der größte Energiehändler der Welt, nach Ansicht der Finanzagentur Standard and Poor's "aller Wahrscheinlichkeit nach" nur noch der Gang zum Insolvenzrichter. Dies wäre eine der spektakulärsten Firmenpleiten in der Geschichte der USA, möglicherweise sogar die größte.

afp NEW YORK. Die Hiobsbotschaft von Dynegy erwischte die Firma aus Houston in Texas knallhart. Der Wettbewerber begründete den Rückzug seines erst vor zwei Wochen verkündeten Rettungsplans für Enron damit, dass die Finanzrisiken noch größer seien als bisher gedacht. Daraufhin brachen an der Börse alle Dämme: Innerhalb kürzester Zeit stürzte der Aktienkurs um 85 Prozent nach unten, mit 61 Cent ist die Aktie nur noch ganze zwei Prozent ihres Wertes von Anfang Oktober schwer.

Ebenso spektakulär wie der jetzige Absturz war der Aufstieg von Enron zum weltweiten Branchenprimus. Ursprünglich startete das Unternehmen unter dem Namen Houston Natural Gas als kleiner Pipeline-Betreiber in Texas. Doch durch einen ehrgeizigen Expansionskurs transformierte es sich zum größten Energiehändler der USA. Unter anderem kaufte Enron in den 90er Jahren geschickt Leitungskapazitäten zu, baute sogar eigene Kraftwerke auf und entwickelte vor allem ein neuartiges Energie-Handelssystem.

Noch im vergangenen Jahr legte Enron eine beeindruckende Bilanz hin: Der Umsatz betrug 101 Milliarden Dollar (223,7 Millionen Mark/114,3 Millionen Euro), der Gewinn mehr als eine Milliarde Dollar. In der Liste der 500 wichtigsten US-Unternehmen des Magazins "Fortune" lag Enron auf dem siebten Platz, weltweit auf dem 16.

Das Problem dabei, die Bücher enthielten nicht die ganze Wahrheit. Um die enormen Kosten für die Zukäufe zu verschleiern, gründete Enron unzählige Nebenunternehmen, in denen die Schulden vor den Augen der Investoren versteckt wurden. Hinzu kam ein offenbar unfähiger Finanzdirektor. Am 16. Oktober musste Enron offenbaren, dass sich unter anderem 1,2 Milliarden Dollar seines Kapitals einfach in Luft aufgelöst haben - vernichtet in Fonds, die vom eigenen Finanzdirektor gegründet worden waren. Dieser ist inzwischen gegangen, die Schulden aber sind geblieben.

Enron muss nach Berechnungen der Ratingagentur Fitch in Kürze sieben Milliarden Dollar an Schulden begleichen, die nicht in den Büchern standen. Hinzu kommen Verpflichtungen von 3,9 Milliarden Dollar durch ebenfalls kriselnde Partnerunternehmen. Und ganz offiziell gibt es dann sowieso noch 13 Milliarden Dollar Schulden, die auch abgezahlt werden müssten.

Dieses Geld aber hat Enron nicht, auch Dynegy will nun nicht helfen. Am Mittwoch kündigte Enron deshalb schon einmal an, dass es vorerst nur Rechnungen bezahlen werde, die für die Aufrechterhaltung des Betriebs unbedingt nötig sind. Ein Gang zum Insolvenzrichter wurde in der Erklärung noch nicht erwähnt - letztlich wird ihn Enron aber wohl antreten müssen. Dabei könnte der Energiekonzern einen traurigen Rekord aufstellen. Die bisher größte Firmenpleite in den USA hatte 1987 der damals 35 Milliarden Dollar schwere Mineralölkonzern Texaco hingelegt. Dies könnte Enron nach den Berechnungen von Experten noch toppen.

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