Größter Erfolg der Vereinsgeschichte
Leverkusen: Humpelnd ins Finale

Die Mannschaft von Klaus Toppmöller ist körperlich am Ende - sie konnte sich gegen Manchester dennoch durchsetzen. Nun kann der Verein innerhalb von zehn Tagen drei Titel holen.

LEVERKUSEN. Für einige Augenblicke erinnerte Klaus Toppmöller an Franz Beckenbauer. Während im Hintergrund seine Mannschaft noch herumtollte und feierte, schritt der Leverkusener Trainer in seinem Anzug langsam und gemessen über den Rasen. Fast so wie Kaiser Franz anno 1990 nach dem Sieg im WM-Finale. An der Außenlinie standen die Leverkusener Vereinsoberen, klatschten ihrem Leitenden Angestellten Beifall - ganz so wie es ein Trainer bei Spielern macht, die er nach einer überzeugenden Leistung auswechselt. Als Toppmöller seine Bosse erreichte, endete die kurze Ähnlichkeit mit Beckenbauer abrupt, denn der hätte Manager Reiner Calmunds geschätzte 140 Kilo wohl kaum für einen Augenblick in die Höhe gestemmt.

Bayer hat es mal wieder geschafft, und der volksnahe Trainer auch. Zum Engagement Toppmöllers an der Seitenlinie während der 90 aufregenden Minuten meinte Mittelfeldmann Bernd Schneider: "Er hat uns mit seiner Gestik und Mimik Selbstvertrauen gegeben". Genug Selbstvertrauen, um die Sensation von Leverkusen perfekt zu machen. Dank eines - im wahrsten Sinne des Wortes - Kampfes bis zum Umfallen spielte Bayer Leverkusen im Halbfinal-Rückspiel der Champions-League 1:1 gegen den Favoriten Manchester United. Das reichte dank des 2:2 im Hinspiel. Nun steht die Mannschaft im Finale am 15. Mai im Glasgower Hampden Park und trifft wahrscheinlich auf Real Madrid (Spiel bei Redaktionsschluss noch nicht beendet). Damit dürfte Toppmöllers Traum, Real zum 100. Vereinsgeburtstag persönlich zu gratulieren, wahr werden. Madrid, das ist für den Leverkusener Trainer der "große Stern am Himmel".

Schönspieler mit Durchhaltevermögen

Verzichten muss er in Glasgow aber auf Ze Roberto, der wegen Meckerns die gelbe Karte sah und nun gesperrt ist. Viel bitterer ist jedoch die Verletzung von Jens Nowotny - der Kapitän hat sich wohl das Kreuzband gerissen und fällt vorraussichtlich sechs Monate aus, also auch für die WM. "Ich würde den Sieg dafür hergeben, um den Jens wieder gesund zu haben", sagte Toppmöller.

Sein Team leidet unter den Verletzungen einer langen Saison. Ballack, Lucio und Sebescen hätten gar nicht erst spielen dürfen beziehungsweise baten - vergebens - um ihre Auswechslung. Doch die Schönspieler aus Leverkusen zeigten, dass sie sich auch durchbeißen können. "Wir sind auf dem Zahnfleisch gegangen", meinte Carsten Ramelow, bei Michael Ballack hieß es, "fast alle sind humpelnd in die Kabine gekommen", Calmund beschrieb gewohnt bildhaft, "die Mannschaft hat bis zum letzten Tropfen Benzin gekämpft, die ist schon am Samstag in Nürnberg auf den Brustwarzen gelaufen". Drei Männer, eine Meinung.

Es war ein ungleicher Kampf in der Bayarena - auf der einen Seite der reichste Klub der Welt mit einer ausgeruhten Elf. Auf der anderen Seite der kleine Kader der Leverkusener, die "mit 13,14 Mann die gesamte Saison gespielt haben", so Toppmöller. Manchester begann überraschend defensiv, "die wollten uns wohl müde spielen". Nach dem 0:1 durch Keane in der 28. Minute nahm "ManU" die Deckung noch höher. Tänzelte mit zehn Mann vor dem eigenen Strafraum auf und ab und wartete. Wartete auf Konter, um so den entscheidenden zweiten Schlag zu setzen, der den sicheren K.O für die angezählten Leverkusener bedeutet hätte.

Neuville setzte den Lucky Punch

Die Taktik ging bis zur 45. Minute auf, dann glich Oliver Neuville - "Gott sei Dank", so Toppmöller - überraschend aus. Es war der Lucky Punch des Abends, der Glückstreffer, auf den ein angeschlagener Boxer hofft. Ein Boxer, der weiß, dass er über die volle Distanz verlieren wird, weil er dem Gegner körperlich unterlegen ist. Der Ausgleich vor der Pause war auch für den enttäuschten ManU-Trainer Alex Ferguson die Schlüsselszene des Spiels: "Ich bin mir sicher, dass wir sonst gewonnen hätten". Seine Elf hätte zwar den Sieg verdient gehabt, aber er wünschte dem "sehr guten Team" Leverkusen viel Glück im Endspiel. "Den Einzug ins Finale haben wir uns verdient", meinte hingegen der gewohnt starke Schneider nach dem Spiel. Verdient haben die Spieler aber auch durch den Einzug ins Finale. Sie erhalten 50 Prozent der Uefa-Prämie, hatte Calmund erklärt. Bisher kann Leverkusen mit 27,25 Millionen Schweizer Franken rechnen. Bei einem Sieg im Endspiel kommen noch einmal vier Millionen Franken hinzu.

Doch auch ohne Extra-Geld haben Schneider nach eigener Aussage momentan Spaß im Beruf. Wegen der sensationellen Fans und den Erfolgen sei es "mittlerweile Kult, bei Leverkusen zu spielen", sagte der Nationalspieler. Ein langer Weg, den Bayer 04 zurückgelegt hat von der belächelten Betriebssportgruppe bis zum Kultklub, auf den die Fußball-Welt schaut. In Deutschland waren es bei der RTL-Aufzeichnung immerhin 6,18 Millionen Fans - 34,5 Prozent Marktanteil.

Nun stehen die Leverkusener in drei "Endspielen": Meisterschaft, DFB-Pokal und Champions-League. "Da haben ja einige vom Super-Gau gesprochen, wenn wir keinen Titel holen sollten", sagte Toppmöller. "Aber der Super-Gau, den haben die europäischen Spitzenklubs erlebt, denn Leverkusen steht im Finale". Nach anderthalb Stunden Interview-Marathon wollte er nur noch eins: "In den Mai tanzen, mit ein paar Bierchen und ein paar Zigaretten". Ob das der Kaiser tun würde?

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