Großbritannien setzt auf Krisendiplomatie
Blair bereitet Allianz auf Einsatz von Bodentruppen vor

Der britische Premier hat sein außenpolitisches Profil seit den Terrorattacken geschärft. Doch die Briten danken es ihm kaum: Schon wird Blair mit Churchill verglichen, der nach dem Krieg abdanken mußte.

LONDON. Mit Elogen aus dem In- und Ausland wird der britische Premier Tony Blair derzeit überschüttet. Der größte Industrieverband Großbritanniens dankte ihm auf seinem Jahrestag kürzlich für die Führungsstärke nach den Terrorattacken auf Amerika vom 11. September. Für das Medium "US-News and World Report" ist Blair ein Staatsmann, der "schnell und unerschütterlich" reagiert hat. Für den "Boston Globe" ist der Brite Politiker der Architekt der Anti-Terror-Koalition. Selbst die US-Denkfabrik Brooking Institute bescheinigt ihm internationales Format.

Wurde Blair während seiner ersten Amtszeit vor allem als Premier wahrgenommen, der sich primär innenpolitisch profilierte, so ist er nach den Terrorangriffen zum Staatsmann gereift. Hätte es je eines Beweises bedurft, dass Großbritannien eine vitale Brückenfunktion zwischen den USA und Europa bilden kann, so hat ihn Blair geliefert. Sein gewachsenes Selbstbewusstsein demonstrierte Blair zu Wochenbeginn kurz vor seiner erneuten Visite in die USA, als er die wichtigsten europäischen Regierungschefs in Downing Street um sich zu versammelte. Der 48-jährige Politiker hat in den vergangenen Wochen zweifelsohne eine Führungsrolle in Europa übernommen. Dabei setzte er sich über die Proteste kleiner EU-Staaten hinweg: Sie wurden nicht zum Mini-Gipfel in London eingeladen und warnen nun - wie der österreichische Kanzler Wolfgang Schüssel - vor einer Spaltung der EU.

Mit Bomben allein sind Taliban nicht zu besiegen

Blair hat auch die Herzen der Amerikaner erobert. "Schulter an Schulter" werde Großbritannien an der Seite des Partners stehen, versicherte er tief verunsicherten Amerikanern. Die beiden Länder sind nicht nur durch eine gemeinsame Sprache verbunden. Legendär ist die Kooperation der Geheimdienste. Verschiedene Einsätze - wie die regelmäßige Bombardierung von Stellungen im Irak - haben gezeigt, dass auch die Waffenbrüderschaft intakt ist. In Washington hat Blair am Mittwoch gemeinsam mit Bush die Öffentlichkeit auf den Einsatz von Bodentruppen in Afghanistan vorbereitet. Mit Bomben allein, so Blair, sei es nicht zu schaffen, das Taliban-Regime zu beseitigen.

Gleichzeitig lässt Blair keinen Zweifel daran aufkommen, dass Großbritanniens Solidarität mit den USA nicht zu Lasten Europas geht. Anders als seine konservativen Vorgänger will Blair Großbritannien politisch in Europa verankern.

Im Kampf gegen den Terror will der Premier nicht nur vitalen militärischen und moralischen Beistand leisten. Schneller als andere hat Blair das Gefahrenpotenzial erkannt, dass hinter der Absicht Osama bin Ladens steckt, die Auseinandersetzung in Afghanistan als Krieg zwischen Christen und Moslems darzustellen. Im Zentrum seiner diplomatischen Bemühungen steht daher auch das Ziel, eine weltweite Allianz gegen den Terror zu schmieden. Während Blair sich in unermüdliche Reisediplomatie ergeht, hält sich der US-Präsident vornehmlich in den USA auf. "Blair macht eigentlich den Job von Bush": dieser Eindruck herrscht bei den britischen Medien vor.

Britische Medien ziehen Vergleich zu Churchill

Mittlerweile hat der Premier bei seinen Bemühungen, die Anti-Terror-Allianz am Leben zu halten, auf 31 Flügen rund 40 000 Meilen zurückgelegt. Ein Kommentator hat dies bereits als "neo-imperiale Mission zur Rettung des gesamten Planeten" belächelt. Gestern empfing er den pakistanischen Präsidenten Pervez Musharraf in London, am Montag wird er den indischen Premier Vajpayee treffen. Rückschläge musste Blair vor allem in Syrien hinnehmen. Der in New York verübte Terror sei ähnlich dem Vorgehen der Israelis in Palästina, ließ sich Syriens Staatschef Assad bei einem Besuch Blairs vernehmen.

Schon erinnern britische Medien an das Schicksal Churchills. Für den Kriegshelden hatten die Briten nach dem gewonnenen Krieg keine Verwendung mehr. Die Zustimmung der Briten zu den militärischen Aktivitäten in Afghanistan ist von 74 % auf 62 % gesunken. "Lasst uns niemals die Ursachen für diese Aktionen vergessen", bemühte Blair kürzlich das Gedächtnis seiner Landsleute. "Wir werden diese Mission beenden und uns danach nicht von Afghanistan abwenden."

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