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Großbritannien: Von der Kontrolle zum Einwanderungsmanagement

Großbritannien hat sich, ähnlich wie die Nachbarstaaten, bislang abgeschottet. Inzwischen aber plant die Regierung, die Einwanderungsgesetze von 1971 zu lockern. Denn die heimische Gesellschaft ist überaltert. Bis zu 100 000 ausländische Fachkräfte will die Regierung im Jahr aufnehmen. Das deutsche Green-Card-Modell wird diskutiert.

dpa LONDON. Wenn es darum geht, Großbritannien als eine moderne und multikulturelle Gesellschaft vorzuführen, zeigt sich Premierminister Tony Blair gern auf Partys mit Reuben Singh. Der indische Besitzer einer Modekette fährt einen gelben Ferrari und einen roten Rolls Royce. Mit noch nicht einmal 25 Jahren gehört er nach einer Aufstellung der Wochenzeitung "Eastern Eye" zu den reichsten Geschäftsleuten Großbritanniens.

Die kulturelle Vielfalt Großbritanniens, die ihren Ursprung in Kolonialgeschichte und Einwanderungspolitik hat, wird inzwischen von Regierungsstellen und Geschäftswelt als ein Pluspunkt anerkannt und genutzt, sagt Andrea Callender, Direktorin der Vereinigung für die Chancengleich ethnischer Minderheiten. Angehörige dieser Minderheiten erwirtschaften nach ihren Angaben jährlich mehr als 13 Mrd. Pfund (43 Mrd. DM).

Sie haben im Durchschnitt eine bessere Schulbildung als Weiße und tragen maßgeblich zum Reservoir der Fachkräfte bei, erläutert Callender. Hinzu kommt, dass etwa ein Viertel dieses Bevölkerungsteils unter 25 Jahre alt ist. Bis zum Jahr 2050, so sagt Callender, wird der Anteil ethnischer Minderheiten an der Gesamtbevölkerung von gegenwärtig 5,5 % auf zehn Prozent steigen.

Die meisten dieser Menschen haben britische Pässe. Sie oder ihre Eltern und Großeltern kamen überwiegend während der Migrationswelle der 60er Jahre nach Großbritannien, die dem Ende der Kolonialzeit folgte, und fühlen sich als "Briten." Die anschließenden Jahrzehnte waren jedoch in Großbritannien ebenso wie im übrigen Europa von einer Politik der strikten Einwanderungskontrolle gekennzeichnet.

Radikales Umdenken

Das soll sich nun ändern. Barbara Roche, Staatssekretärin im Innenministerium, kündigte im September eine Lockerung der strikten Einwanderungsgesetze aus dem Jahre 1971 an, um mehr ausländische Fachkräfte ins Land zu holen. Laut "Financial Times" handelt es sich um die "größte Revision" der Einwanderungsbestimmungen seit 30 Jahren.

Ebenso wie seine Partnerstaaten "in der Festung Europa" habe Großbritannien in der Einwanderungspolitik damit begonnen, das "Undenkbare zu denken", schrieb der "Guardian". Die Kombination von demographischen Prognosen und der Tatsache, dass viele der ursprünglichen Einwanderer von der "Arbeiterklasse zur Mittelklasse aufgestiegen sind", mache ein radikales Umdenken erforderlich.

"In der Vergangenheit haben wir ausschließlich über Einwanderungskontrollen nachgedacht. Jetzt müssen wir über das Konzept des Einwanderungsmanagement nachdenken", sagte Roche. In diesem Jahr vorgelegte Uno-Statistiken hatten noch einmal schwarz auf weiß bewiesen, dass bis zum Jahr 2050 ein Viertel der britischen Bevölkerung über 65 Jahre alt sein wird.

Gleichzeitig ergaben getrennte britische Studien, dass in den Bereichen Informationstechnologie und Maschinenbau qualifiziertes Personal fehlt. Roche hat bisher noch keine Zahlenangaben über den künftigen Bedarf "importierter" Fachkräfte gemacht. Nach Zeitungsberichten erwägt die britische Regierung jedoch, pro Jahr 100 000 ausländische Arbeitskräfte ins Land zu lassen, um die Nachfrage vor nach Computer- und Internetspezialisten zu befriedigen.

Dabei, so heißt es aus dem Innenministerium, sei auch das deutsche Green Card-Projekt interessant. Roche unterstrich, die Regierung wolle sicherstellen, dass beim "Einwanderungsmanagement" das Gleichgewicht zwischen "legaler Einwanderung und gesellschaftlicher Stabilität" gewahrt werde. Es könne nicht darum gehen, "die Schleusen für Asylbewerber" zu öffnen. Auch solle sichergestellt werden, dass die angeheuerten Fachkräfte mit einem ausführlichen Integrations-und Sprachenprogramm ans Land gebunden werden, um ihre Abwanderung in europäische Nachbarstaaten zu verhindern.

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