Großdemonstration gegen USA in Pakistan
Taliban drohen mit dem „Heiligen Krieg“

Am Mittwoch soll die Entscheidung fallen, ob Afghanistan der Forderung der USA nachkommt und Osama bin Laden ausliefert. Das vor der Taliban-Führung einberufene Treffen der Religionsgelehrten in Kabul wurde verschoben, weil nicht alle Delegationen rechtzeitig eintrafen. Beobachter sprechen von bewusstem Hinauszögern.

bi/HB NEU DELHI. Die Taliban-Führung hat eine Entscheidung über die Auslieferung von Osama bin Laden einer Zusammenkunft von Religionslehrern überlassen. In Erwartung eines Angriffs der USA rief die Taliban-Führung die Bevölkerung und alle Moslems auf, sich auf einen "Heiligen Krieg" vorzubereiten. "Wenn Amerika unser Haus angreift, dann müssen alle Moslems, vor allem die Afghanen, einen Heiligen Krieg führen", erklärte der stellvertretende Taliban-Führer Mullah Mohammed Hasan Achund.

Die Gespräche mit einer pakistanischen Regierungsdelegation, die auf eine rasche Übergabe bin Ladens gedrungen hatte, waren ohne konkrete Resultate verlaufen. Nach ihrer Rückkehr in die pakistanische Hauptstadt Islamabad äußerten sich Delegationsmitglieder, die Taliban hätten sich nicht grundsätzlich gegen eine Auslieferung des mutmaßlichen Terroristen gestellt, sondern es sei über konkrete Bedingungen der Taliban gesprochen worden.

Dazu zählten, so berichtet die Agentur Itar-TASS, die Auslieferung an ein neutrales Drittland, eine internationale Anerkennung des Taliban-Regimes, die Aufhebung der Uno-Sanktionen und umfassende Wirtschaftshilfe. Diese Aussagen ungenannter Gewährspersonen müssen allerdings mit Vorsicht bewertet werden. Die widersprüchlichen Meldungen aus Afghanistan zeigen, dass das harte Pressing der USA die Taliban-Führung mit ihrer rudimentären Regierungsorganisation in eine große Konfusion gestürzt hat.

Es lässt sich nicht beurteilen, ob der Grund für die Verschiebung des Treffen der Religionsgelehrten die verspätete Ankunft einiger Mullahs ist, wie es die Taliban vorgeben, oder vielleicht gar einem bewussten Hinauszögern zum Zeitgewinn.

Die widersprüchlichen Signale über die mögliche Reaktion - vom "Heiligen Krieg" bis zu den Modalitäten der Auslieferung - legen Letzteres nahe. In Islamabad gibt es aber auch Stimmen, die das Zögern auf Uneinigkeit in der Taliban-Führung zurückführt. Falls die Taliban auf Zeit spielen, dann nicht nur im Hinblick auf einen Fluchtvorsprung für Bin Laden. Sie täten es auch mit einem Blick auf Pakistan, wo die Solidarisierung mit ihnen und die Protestbewegung gegen die USA allmählich stärker wird.

Bisher hatte sich die Zahl der Demonstranten auf einige Hundertschaften beschränkt, doch am Dienstag kamen erstmals zwischen 3000 und 5000 Menschen vor dem Generalkonsulat der USA in Karachi zusammen, mit Sprechchören gegen die USA und die Regierung zu protestieren. Es war das erste Mal, dass Präsident Pervez Musharraf kritisiert wurde. Die USA kündigten an, einen Teil ihres Botschaftspersonals aus Pakistan abzuziehen.

Ein "Verteidigungsrat für Pakistan und Afghanistan", dem rund dreißig islamische Organisationen angehören, hatte in Lahore eine scharfe Resolution verabschiedet, in der Osama bin Laden und die Taliban der Unterstützung in ihrem "Heiligen Krieg" gegen die USA versichert wurden.

Sorgen um die Stabilität im Nahen Osten nach einem Vergeltungsschlag der USA äußerten mehrere arabische Regierungen. "Schauen Sie auf alle so genannten gemäßigten Staaten der Region, von Jordanien bis Saudi-Arabien, Kuwait, Katar und Oman", gab Ägyptens Präsident Hosni Mubarak in mehreren Interviews mit westlichen Medien zu bedenken. "Ihre Führer haben mir erklärt, dass die Stimmung in ihren Straßen kurz davor ist überzukochen."

Gleichzeitig warnt Mubarak die Amerikaner vor Angriffen auf ihre Erzfeinde Libyen und Irak. Der libysche Revolutionsführer Muammar Gaddafi beherberge keine fundamentalistischen Extremisten, und auch Saddam Hussein habe mit den Anschlägen nichts zu tun, so Mubarak.

Die Herrscher der Ölmonarchien am Golf zeigen bisher keinerlei Bereitschaft, ihre Territorien als Basis für mögliche US-Vergeltungsaktionen zur Verfügung zu stellen. Denn sie stehen wegen der amerikanischen Truppenpräsenz in der Region bei den Islamisten im eigenen Lande ohnehin schon in der Kritik. Die Vereinigten Arabischen Emirate, die neben Saudi-Arabien und Pakistan die Einzigen sind, die das Taliban-Regime in Afghanistan bisher anerkannt haben, haben zwar jetzt versprochen, ihre Beziehungen zu den Herrschern in Kabul überdenken. Doch eine radikale politische Kehrtwende der Golfstaaten ist nicht zu erwarten.

Die gemeinsame Strategie der Araber, die der Generalsekretär der Arabischen Liga, Amre Mussa, in diesen Tagen hastig zu formulieren versucht, dürfte wahrscheinlich auf die Einberufung einer internationalen Anti-Terrorismus-Konferenz hinauslaufen, wie sie von Mubarak bereits seit Jahren gefordert wird. Diese sollte nach dem Willen der Araber unter dem Dach der Vereinten Nationen stattfinden und eine für alle Staaten verbindliche Anti-Terror-Konvention verabschieden.

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