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Große Chancen auf neue Medikamente

Mit der Entschlüsselung des menschlichen Erbgutes liefern Wissenschaftler die Grundlage für neue Medikamente. Doch die Suche nach Wirkstoffen und die Entwicklung der Arzneimittel dauert lang.

Rtr/dpa/bef LONDON. Internationalen Forschern ist bei der Entschlüsselung des menschlichen Erbgutes ein Durchbruch gelungen. Zweieinhalb Monate nach den ersten Erfolgsmeldungen des US-Genforschers Craig Venter hat das internationale Human-Genome-Project (HGP) nach eigenen Angaben 97 % der menschlichen Gene in Grundzügen entschlüsselt.

Der deutsche HGP-Forscher Andre Rosenthal sagte in Berlin, er rechne bereits in acht bis zehn Jahren mit den ersten erfolgreichen Medikamenten auf der Grundlage dieser Arbeit, die etwa gegen Krebs oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen eingesetzt werden.

Zurückhaltend äußerten sich die Pharmakonzerne selbst. Für Peter Goodfellow, Chef der Abteilung Entwicklung beim Arzneimittelkonzern Smithkline Beecham Plc, ist der genetische Bauplan eine Wegmarke auf einer langen Reise: "Ein Quantensprung ist das nicht", kommentiert er. Schließlich habe die Pharmaindustrie schon in den vergangenen zehn Jahren Kenntnisse über das menschliche Genom für die Erforschung von Medikamenten genutzt.

Auf Grundlage der nun erstellten Genkarte muss zunächst die Funktionen des Erbgutes erforscht werden, bevor neue Wirkstoffe gefunden und Medikamente entwickelt werden können. So sucht beispielsweise das Heidelberger Bioinformatik-Unternehmen Lion Bioscience im Auftrag des Bayer-Konzerns nach Angriffspunkten für neue Wirkstoffe. Die Ergebnisse von Celera und dem Human-Genome-Project könnten dabei weitere Fortschritte bringen, sagte Lion-Vice-President Peter Wiesner. Die Erforschung der Angriffspunkte könne vergleichsweise schnell abgeschlossen sein. Dagegen sei die Test- und Entwicklungsphase der Medikamente sehr zeitaufwendig.

Von der Konfektionsmedizin zu maßgeschneiderten Arzneimitteln

Dennoch verspricht die vollständige Entzifferung des menschlichen Genoms raschere Fortschritte in der Forschung, weil Wissenschaftler nun gezielter nach neuen Medikamenten suchen können. Auf Sicht dürfte ein besseres Verständnis der Krankheitsursachen und der winzigen Unterschiede im genetischen Code verschiedener Individuen zur Entwicklung von Arzneimitteln führen, die auf die spezifischen Bedürfnisse von Patienten zugeschnitten sind: "Heutzutage haben wir Durchschnittsmedizin für die Durchschnittsperson. Morgen werden wir personalisierte Medizin für jedes Individuum haben", sagt Bill Castell vom Gentechnologie-Konzern Nycomed Amersham.

Rund 85 % des entzifferten Erbgutes lägen bereits detailliert vor, sagte der Leiter der britischen Stiftung für medizinische Forschung, Wellcome Trust, Michael Dexter, einem der Hauptsponsoren von HGP. Im HGP sind 16 Institutionen aus den USA, Großbritannien, Deutschland, Frankreich, Japan und China zusammengeschlossen. Seit zehn Jahren arbeiten sie an einer öffentlich zugängliche Karte der menschlichen Erbsubstanz. Die dabei gewonnenen Daten werden zu öffentlichem Eigentum.

Die Bundesregierung will sich dafür einsetzen, dass internationale Rahmenbedingungen einen verantwortungsvollen Umgang mit genetischen Informationen gewährleisteten. Zugleich will die Regierung die Erforschung der Gen-Funktionen fördern (siehe Interview rechts).

Auch die im September gegründete US-Firma Celera Genomics hat eigenen Angaben zufolge das Erbgut komplett entziffert. Sie plant im Gegensatz zum HGP, die Informationen aus ihrer Datenbank patentieren zu lassen und zu vermarkten. Dafür war Celera vom HGP stark kritisiert worden. Celera und HGP hatten sich ein verbissenes Wettrennen um die Entzifferung geliefert. Nun haben sich die Kontrahenten unter anderem auf Druck von US-Präsident Bill Clinton auf eine Zusammenarbeit geeinigt. Sie werden ihre Ergebnisse gemeinsam publizieren und Erkenntnisse ihrer Arbeit austauschen.

Nach Ansicht von Prof. Rudi Balling, Gen-Experte der Gesellschaft für Umwelt und Gesundheit GSF, Neuherberg bei München, wird sich eine Zusammenarbeit der wissenschaftlich ausgerichteten HGP und wirtschaftlich interessierten Celera-Gruppe auszahlen. Es werde aber bei einem Wettlauf um Patente bleiben.

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