Große Chancen liegen im Offshore-Windbereich
Pläne allein reichen nicht aus

Gerade drei Wochen ist es her, seit Umweltminister Jürgen Trittin mit der Inbetriebnahme einer Windenergieanlage in Niedersachsen die Rekordmarke von 10 000 Megawatt (MW) installierter Windenergieleistung in Deutschland verkündet hat.

FRANKFURT/MAIN. Mit rund 12 250 Windmühlen drehen sich in Deutschland damit ca. 50 Prozent der gesamt in Europa installierten Anlagen.Triebfeder dieser Entwicklung war und ist das unter der Regierung Kohl eingeführte Stromeinspeisungsgesetz (StrEG) und unter der Regierung Schröder weiterentwickelte Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG). Im Zuge dieser Entwicklung hat sich in Deutschland eine Industrie entwickelt, die mit einem Umsatz von rund 3 Mrd. und ca. 35 000 Beschäftigten technologisch an der Weltspitze steht.

Einen der wesentlichen Eckpfeiler für die zukünftige Entwicklung der Branche stellt die Offshore-Windenergienutzung dar. Heute noch in den Kinderschuhen, kann sie sich mittel- und langfristig zu einem Wirtschaftszweig entwickeln, der seinesgleichen sucht.

Der "politische Wille zum Ausbau der Windenergienutzung Off- shore" manifestiert sich durch die Strategie der Bundesregierung, die bis Ende des Jahrzehnts Offshore-Mühlen mit einer Leistung von 3 000 MW und bis Ende 2030 mit einer Leistung von 25 000 MW vorsieht. Auch Union und FDP bekräftigen, den Einstieg in die Offshore-Windenergienutzung vorantreiben zu wollen.

Deutscher Hersteller sind schaft auf Offshore-Projekte

Bei genauer Betrachtung der Zahlen ist die Dimension der Offshore-Windenergie für Deutschland zu erkennen. Das Ziel von 25 000 MW ist exakt um den Faktor 2,5 größer, als die von Trittin verkündeten 10 000 MW, die seit Beginn der "Windenergiezeitrechnung" auf Land installiert wurden. Hat die Branche im Onshore-Bereich rund 20 Jahre für den Ausbau der 10 000 MW-Windleistung benötigt, so setzt die Bundesregierung mit einem Zeitraum von weniger als 30 Jahren für die 2,5-fache Menge ein anspruchsvolles und ehrgeiziges Ziel. Die deutschen Hersteller und Planer warten sehnsüchtig darauf, das enorme wirtschaftspolitische Potenzial der Offshore-Windenergienutzung erschließen zu dürfen.

Allein dem Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrografie (BSH), das für die Genehmigung der Offshore-Parks außerhalb der Zwölf-Seemeilen-Zone verantwortlich zeichnet, liegen 30 Anträge mit rund 65 000 MW-Leistung vor. Bei derzeit erwarteten durchschnittlichen Investitionen von rund 1 800 je kW installierter Leistung ergibt sich ein Wirtschaftspotenzial von ca. 117 Mrd. Gesamtinvestitionen.

Kein Wunder also, dass die Anlagenhersteller alles daran setzen, diesen sich abzeichnenden Markt mit entsprechender Anlagentechnik zu bedienen. Es handelt sich hierbei um speziell für den Offshore-Einsatz entwickelte Anlagen, die vor der Serienfertigung jedoch auf See erprobt werden müssen. Gerade die Erprobungsphase erfordert Pilotprojekte in küstennahen Gebieten, bei denen mit heutiger Anlagentechnik der Grundstein für einen erfolgreichen Ausbau der Offshore-Windenergiennutzung mit zuverlässigen und wartungsarmen Anlagen gelegt werden kann.

In deutschen Gewässern dreht sich keine Mühle

Anders als in unseren Nachbarländern, wie z.B. Dänemark, Schweden, England oder Belgien, dreht sich in deutschen Hoheitsgewässern derzeit keine einzige Mühle. Während unsere Nachbarn sich fleißig im Aufstellen von Windenergieanlagen der heutigen Generation üben, gibt es in Deutschland bisher nur Planungen. Diese Planungen erfolgen überwiegend in küstenfernen Gebieten mit relativ großen Wassertiefen. Geplante Offshore-Parks mit einer Kabelanbindung von mehr als 50 Kilometer und Wassertiefen jenseits der 30-Meter-Marke sind in Deutschland keine Seltenheit. Daraus resultieren hohe Nebenkosten für z.B. Fundamentierung oder Netzanbindung. Um dies kompensieren zu können, wird der Großteil der geplanten Offshore-Parks auf Basis heute noch nicht verfügbarer Anlagen der Multimegawattklasse geplant.

Im Klartext bedeutet dies: Deutschland "schenkt" sich die Erprobungs- und Übungsphase mit heute verfügbarer Anlagentechnik, wie dies in anderen Ländern geschieht. Dementsprechend groß sind die Risiken, die sich aus diesem "deutschen Weg" ergeben.

Auch wenn die Strategie der Bundesregierung gestützt durch wohlwollendes Nicken der Opposition ein hoffnungsfrohes Ausbauziel für die Offshore-Windenergienutzung festschreibt, so bleiben noch einige Fragen ungeklärt. So ist es in Deutschland nicht unüblich, erst die Windparks zu genehmigen, um sich anschließend um die Genehmigung der notwendigen Kabeltrasse Gedanken zu machen. Dass die mit Windmühlen erzeugten Elektronen erst an Land und anschließend zu den Verbrauchern geschafft werden müssen, hat die Regierung mittlerweile veranlasst, die notwendigen Rahmenbedingungen für Netzanbindung und höchstwahrscheinlich notwendigen Netzausbau zu untersuchen.

Entscheiden ist eine Verknüpfung mit der maritimen Wirtschaft

An dieser Stelle sei darauf hingewiesen, dass der gute Wille der Regierung oftmals an den divergierenden Interessen und Verantwortlichkeiten derjenigen, die über die Nutzung der deutschen Hoheitsgewässer zu entscheiden haben, scheitert. Die Industrie misst daher der koordinierenden Funktion der Deutschen Energie Agentur (Dena) hohe Bedeutung zu. Mit vereinten Kräften wird es gelingen, den "Deutschen Weg" beim Ausbau der Offshore-Windenergienutzung in die richtige Richtung zu lenken.

Miteintscheidend wird sicherlich sein, die notwendige Verknüpfung der Windenergiebranche mit der maritimen Wirtschaft sicherzustellen. Jede Planung von Offshore-Parks jenseits der "nassen Füßegrenze" bedingt eine enge Verknüpfung mit der maritimen Wirtschaft. Und genau davon werden die unmittelbar angrenzenden Küstenstandorte profitieren. Eines ist ganz sicher: Die Offshore-Windenergienutzung wird ihren Einzug auch in Deutschland halten.

Quelle: Handelsblatt

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