Große Depression aber unwahrscheinlich
IWF sieht Gefahr einer Welt-Rezession bei langem Krieg

Der Chef des Internationalen Währungsfonds (IWF), Horst Köhler, schließt eine globale Rezession bei einem länger andauernden Irak-Krieg nicht aus. Risikofaktoren sind hoher Ölpreis und das Durchhaltevermögen der US-Verbraucher.

Reuters DÜSSELDORF. Die Risikofaktoren bei einem langen Krieg seien ein hoher Ölpreis, das Durchhaltevermögen der US-Verbraucher und die Anfälligkeit einiger Schwellenländer mit hohem externen Finanzierungsbedarf, sagte Köhler der Zeitschrift "Wirtschaftswoche" in einem am Mittwoch vorab veröffentlichten Interview.

Eine große Depression wie Anfang der 30er-Jahre sei aber unwahrscheinlich. Köhler zeigte sich überzeugt, dass die wichtigsten Zentralbanken Raum für weitere Zinssenkungen haben und diesen bei Bedarf auch nutzen werden. Die jüngste Abwertung des Dollar sei angesichts des US-Leistungsbilanzdefizits folgerichtig. Deutschland kann seinen Wohlstand nach Ansicht Köhlers nur mit tief greifenden Reformen halten.

Auch positive Konjunkturüberraschungen sind möglich

"Im Falle eines länger anhaltenden Krieges kann man eine weltwirtschaftliche Rezession nicht mehr ausschließen", sagte der IWF-Chef. Aber auch ein kurzer Krieg sei eine zusätzliche Erschwernis für die Erholung der Weltwirtschaft. Andererseits sei das Potenzial für einen stärkeren Aufschwung nach dem Krieg da. So hätten viele Unternehmen ihre Bilanzstrukturen deutlich verbessert und die Investoren verfügten über Liquidität.

Zusammen mit einem rasch sinkenden Ölpreis könne das auch zu positiven Konjunkturüberraschungen führen. Der IWF erwartet für die Weltwirtschaft 2003 ein Wachstum von rund drei Prozent. Auf die Frage, ob gesichert sei, dass das internationale Finanzsystem auf keinen Fall kollabiere, antwortete Köhler mit den Worten: "Diese Sicherheit hat niemand." Zugleich zeigte er sich mit Blick auf die Notenbanken Japans, Europas und Amerikas überzeugt: "Raum für weitere Zinssenkungen ist da." Er gehe davon aus, dass dieser - falls erforderlich - auch genutzt werde. Eine generelle Konjunkturstütze bei einem längeren Krieg durch den Fonds wird es Köhler zufolge nicht geben. Effektiver sei, Land für Land zu schauen, wo Hilfe nötig sei.

Köhler machte deutlich, dass er die Sorgen der deutschen Exportwirtschaft über die Aufwertung des Euro zum US-Dollar nicht teilt. "Eine Abwertung (des Dollar) ist mit Blick auf das große Leistungsbilanzdefizit der USA folgerichtig." Was man nicht wünschen könne, wäre ein freier Fall des Dollar. In diesem Fall müssten Politik und Notenbanken etwas dagegen unternehmen.

Köhler: Europa und Japan müssen mehr tun

Die Erholung der Weltwirtschaft sollte nach den Worten Köhlers nicht nur davon abhängen, dass es in den USA aufwärts geht. "Europa und Japan können und müssen mehr tun." Neben einem wirklich großen Binnenmarkt brauche Europa mehr Flexibilität, nicht zuletzt auf dem Arbeitsmarkt, und die schnellere Umsetzung von neuen Technologien in marktfähige Produkte und Dienstleistungen. "Die Regierungserklärung von Bundeskanzler Schröder hat deutlich gemacht, dass die Regierung den Ernst der Lage erkannt hat", sagte Köhler. Wichtig sei, dass der Bundeskanzler nun seinen Worten Taten folgen lasse.

"Die Deutschen müssen begreifen, dass sie ihren Wohlstand nur halten können, wenn tief greifende Veränderungen kommen", sagte der IWF-Chef. Das Land drücke den Durchschnitt Europas. Das Wirtschaftswachstum in Deutschland werde 2003 "wahrscheinlich sehr deutlich unter einem Prozent liegen".

Die Diskussion über den europäischen Stabilitäts- und Wachstumspakt werde ihm in Deutschland und auf europäischer Ebene "zu verkrampft geführt". Zwar bestehe kein Zweifel, dass Deutschland und Frankreich ihre haushaltspolitischen Hausaufgaben nicht gemacht hätten, man müsse aber pragmatisch bleiben. "Es ist nicht die Zeit, weiteren Revisionen der Wachstumsprognosen nachzusparen." Stattdessen sollten die automatischen Stabilisatoren voll wirken.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%