Große Erwartungen der Anleger an die künftige sozialliberale Regierung
Ungarns Aktienmarkt in Lauerstellung

Die Attraktivität Ungarns für internationale Anleger resultiert nicht zuletzt aus der Tatsache, daß das Land möglicherweiese bereits im Jahre 2004 in die Europäische Union aufgenommen wird.

BUDAPEST. Seit Beginn der Woche verharrt die ungarische Börse in Lauerstellung. Die Investoren, so heißt es unter Brokern, hielten sich vor allem zurück, weil das Wirtschaftsprogramm der künftigen Regierung noch nicht vollständig vorliege. Nach ihrem Sieg über die bislang regierenden Konservativen bei den Wahlen am Sonntag wollen Sozialisten und Liberale eine Koalition bilden. So ging der ungarische Index BUX am Mittwoch um 1 % auf 8.591,31 Punkte zurück. An den Vortagen hatte er 2,1 % eingebüßt.

Nach dem ersten Wahlgang am 4. Februar hatte der sich abzeichnende Sieg der Sozialisten an der Börse geradezu Euphorie ausgelöst. Allein in der vergangenen Woche legte der BUX um 6 % zu. Auch ausländische Anleger stiegen verstärkt ins Geschäft ein, wie Peter Nagy von Takarek Broker registrierte. Der künftige Finanzminister Laszlo Csaba heizte die Stimmung an, indem er einen kräftiges Wachstum des BUX auch in den kommenden Wochen prognostizierte. Zuletzt bestimmten jedoch erst einmal Gewinnmitnahmen das Bild. Generell herrscht an der Börse aber eine gewisse Sympathie für die absehbare sozialliberale Regierung. Denn der künftige Premier Peter Medgyessy will den Staatsanteil in der Wirtschaft abbauen, den Haushalt sanieren und die Vergabe öffentlicher Aufträge transparenter gestalten. Die Analysten des Commerzbank Researchs halten die Auffassungen der Sozialisten für marktgerechter als die der abgewählten Konservativen.

Auch internationale Wissenschaftler wie der US-Politologe Charles Gati von der John Hopkins Universität erwarten eine Stärkung der politischen Mitte und damit der marktwirtschaftlichen Kräfte. Broker und Anleger am ungarischen Aktienmarkt horchten besonders auf, als der künftige Finanzminister ankündigte, seine Regierung wolle die Kapitalgewinnsteuer abschaffen und durch weitere Privatisierungen das Börsengeschäft beleben. Csaba nannte in diesem Zusammenhang den Verkauf von Minderheitsanteilen der Eisenbahngesellschaft MAV, des Stromversorgers MVM und der ungarischen Magyar Posta.

Die Analystin Maria Lakatos von "Pester Lloyd" meint, von den Spitzenwerten an der Börse könnte besonders der Energiekonzern Mol wieder interessanter werden; durch den Machtwechsel seien die Pläne der Konservativen vom Tisch, die Gassparte des Unternehmens zu renationalisieren. Unklar ist aber noch, ob die neue Regierung auch die marktfeindliche staatliche Regulierung der Gaspreise aufheben will.

Andere Analysten- insbesondere von den Wirtschaftszeitungen Villaggazdasag und Napi Gazdasag - empfehlen übereinstimmend die Titel des Telekommarktführers Matav, der Sparkasse OTP und anderer großer Finanzinstitute sowie des Senders Antenna Hungaria. Gerade die großen Banken haben 2001 höhere Erträgen erzielt.

Für Anleger wichtig sind auch andere Äußerungen Medgyessys. Sie deuten an, dass er die Nationalbank (MNB) auffordern wird, im Interesse des Exports keine weitere Aufwertung des Forints zuzulassen und ggf. die Schwankungsbreite der ungarischen Währung zu erweitern. Von der Nationalbank, deren Präsident Zsigmond Jarai zu den Vertrauten des scheidenden Premiers Viktor Orban zählt, hieß es postwendend, man sehe keinen Anlass für eine Änderung der Geldpolitik. Der Kampf gegen die Inflation bleibe die wichtigste Aufgabe der MNB. Auch Experten, die von Napi Gazdasag befragt wurden, erwarteten mehrheitlich keine wesentliche Korrektur der Währungspolitik.

Schwierig könnte für die neue Regierung werden, die angekündigte haushaltspolitische Solidität mit der Erfüllung all jener sozialen Verprechungen in Einklang zu bringen, die Medgyessy im Wahlkampf gemacht hatte. Dazu zählen vor allem Steuersenkungen für Einkommensschwache, Rentenerhöhungen und die stärkere Förderung von Studenten und Schülern.

Analysten vermuten, die alte Regierung haben zu freigiebig mit Steuergeldern um sich geworfen und damit dem neuen Kabinett ein beträchtliches Loch im Staatsbudget hinterlassen. Verschiedentlich hieß es, Medgyessy Regierung werden sogar einen schuldenfinanzierten Zusatzhaushalt aufstellen müssen.

Die Attraktivität Ungarns für internationale Anleger resultiert nicht zuletzt aus der Tatsache, daß das Land möglicherweiese bereits im Jahre 2004 in die Europäische Union aufgenommen wird. Die Beitrittsverhandlungen gehen zügig voran. Der Direktor des Forschungsinstitutes der Ungarischen Akademie der Wissenschaften, Andras Inotei geht davon aus, daß auch die Regierung an der Verhandlungsführung wenig ändern werde. Möglicherweise werde sie sich gegenüber der EU-Kommission noch flexibler zeigen.

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