Große Freude
Literatur-Nobelpreis geht erstmals nach Ungarn

Die Zuerkennung des diesjährigen Literatur- Nobelpreises an Imre Kertész ist in ersten Reaktionen einhellig begrüßt und bei seinen Verlagen Rowohlt und Suhrkamp auf der Frankfurter Buchmesse bejubelt worden.

HB HAMBURG. Kertész' Landsmann und Schriftsteller-Kollege György Konrad äußerte in Berlin überschwängliche Freude über die Stockholmer Entscheidung: "Ich möchte im Namen der Kollegen Imre Kertész öffentlich umarmen und ihm gratulieren!" Es gebe Fälle, "dass nur ein einziges Buch den Passeport in die Weltliteratur bedeutet". Kertész "Roman eines Schicksallosen" sei ein solches Werk, sagte der Präsident der Berliner Akademie der Künste.

Als "großartiges Signal für die ungarische Literatur" wertete der frühere Rowohlt-Verleger und Ex-Kulturstaatsminister Michael Naumann die Nachricht. Mit dem Preis werde auch einer der "sensibelsten und klügsten Übersetzer" geehrt. Kertész habe sich etwa um die Übertragung deutscher Philosophen ins Ungarische verdient gemacht.

Begeistert zeigte sich auch die österreichische Schriftstellerin Elfriede Jelinek. "Ich wüsste kaum jemanden, der den Preis mehr verdient als er (...) Er hat den schrecklichen Inhalt seines Lebens in Kunst verwandelt". Jelinek fügte gegenüber der österreichischen Nachrichtenagentur APA hinzu: "Ungarn hat jetzt auch einen Preisträger, was mich zusätzlich freut, denn es ist ein kleines und sehr begabtes Land".

"Wir freuen uns unendlich", sagte Rowohlt-Verleger Alexander Fest am Donnerstag auf der Frankfurter Buchmesse und bedauerte zugleich, Kertész als Autor verloren zu haben. Kertész war vor rund eineinhalb Jahren von Rowohlt Berlin zu Suhrkamp gewechselt. Die Werke des Schriftstellers seien von "provozierender Vitalität". "Kertész hat eine eigene Sprache für den Holocaust entwickelt", fügte Fest hinzu.

Als "Glückstreffer" bezeichnete der Programmleiter und Kertész- Lektor des Frankfurter Suhrkamp Verlags, Rainer Weiss, die Entscheidung der Stockholmer Preisrichter. Suhrkamp-Verlagsleiter Günter Berg sagte: "Schön, dass wir den ersten Roman des neuen Literatur-Nobelpreisträgers veröffentlichen können." Der Roman, der den Arbeitstitel "Liquidation" (Auslöschung) trage, soll in etwa einem Jahr erscheinen.

Literatur-Kritiker Marcel Reich-Ranicki sagte: "Ich freue mich sehr, dass Kertész den Preis bekommen hat. Ich habe für Philip Roth und John Updike plädiert, aber es ist schön und gut, dass ein so verdienter Autor den Preis bekommen hat. Er ist ein Autor mit großem Gespür für Zeitgenössisches, Zeitkritisches und gesellschaftskritische Probleme. Er ist ein Kenner der Psychologie und ein Meister der Darstellung der Leiden, die typisch sind für die Epoche, die er erlebt hat."

Der polnische Schriftsteller Czeslaw Milosz hob die Tatsache hervor, dass die Wahl in diesem Jahr auf einen Autor Osteuropas fiel. Trotz aller Gerüchte über Kandidaten aus anderen Ländern "wurde jemand aus unserem Teil Europas ausgewählt", sagte der in Krakau lebende Nobelpreisträger.

Der Leiter der "aspekte"-Redaktion beim ZDF, Wolfgang Herles, würdigte Kertész als "bedeutende europäische Stimme". Der Preis sei daher "sicher nicht unverdient". Er relativierte seine Zustimmung allerdings: "Kertész ist eine bedeutende europäische Stimme, der Preis ist daher sicher nicht unverdient. Aber bei allem Respekt für die erzählerische Kraft, mit der er sein eigenes Erleben im Konzentrationslager beschrieben hat: Aus dieser Kategorie gäbe es andere, die den Preis eher verdient hätten, zum Beispiel Jorge Semprun oder Primo Levi."

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