Große Koalition
Harmonieübung vor dem Sommerloch

Vor der Sommerpause demonstriert die große Koalition auf ungewöhnliche Weise, wie gut sie miteinander kann. Auf dem SPD-Hoffest bedeckte selbst der großkoalitionäre Harmonie-Mehltau alte Wunden des letzten Bundestags-Wahlkampfes. Dennoch ist Nervosität spürbar, nicht zuletzt wegen der immer schlechteren Umfragewerte der SPD und dem demoskopischen Rekordergebnis für die Linkspartei.

BERLIN. Politik ist oft die Kunst der geplanten Zufälligkeiten. Deshalb sitzt Gerhard Schröder auf der Holzbank auf dem SPD-Hoffest und plaudert über alte Zeiten. Sein halbes altes Kabinett ist um ihn versammelt: Renate Künast, Jürgen Trittin, Frank Steinmeier, -Walter Ulla Schmidt und Peter Struck. Man redet über alte rot-grüne Zeiten.

Aber eigentlich sitzt Schröder aus einem ganz anderen Grund hier. Denn plötzlich kommt die Kanzlerin leibhaftig auf das SPD-Hoffest und landet Minuten später - oh Wunder - am selben Holztisch wie Schröder. Eine Stunde und einige geleerte Rot- und Weißwein-Gläser später erhebt sich Angela Merkel wieder, der Ex-Kanzler bleibt sitzen. Die Mission ist erfüllt. Die große Koalition demonstriert auf ungewöhnliche Weise, wie gut sie miteinander kann.

Sicher, Hausherr Struck hat bei der Eröffnung des Hoffests noch betont, dass zu rot-grünen Zeiten vieles einfacher gewesen sei. Aber dann hatte er wie immer "seinen Freund" begrüßt, CDU/CSU-Fraktionschef Volker Kauder. Ihn platzierte er ebenfalls am Prominententisch - an dem am Ende nur CSU-Landesgruppenchef Peter Ramsauer kein Plätzchen mehr fand, weil die Grünen auf der anderen Seite des Tisches partout nicht weichen wollten.

Am Ende jedenfalls bedeckte der großkoalitionäre Harmonie-Mehltau selbst alte, vernarbte Wunden der Kontrahenten des letzten Bundestags-Wahlkampfes und der Wahlnacht. Kanzlerin und Ex-Kanzler gelten ab jetzt auch offiziell wieder als versöhnt. Im Gespräch scherzten sie über künftige Koalitionen, Merkel erzählte über die Irrungen und Wirrungen des letzten EU-Gipfels. Schröder beklagte, dass er wegen seines Eintretens für die Ostseepipeline von Veranstaltungen etwa in Polen wieder ausgeladen worden sei. Außerdem plauschte man angeregt darüber, wer wohl die besten Chancen habe, im kommenden Jahr neuer US-Präsident zu werden.

Natürlich wird abgestritten, dass alles geplant war. Natürlich ist das Kanzler-Treffen alles andere als zufällig. Denn in diesen Tagen herrscht Hochbetrieb auf der öffentlichen Bühne der politischen Sommerfeste. Und kurz vor der parlamentarischen Sommerpause werden für die beobachtende Journalistenschar letzte kleine Stimmungsakzente gesetzt. So hatte SPD-Chef Kurt Beck auf dem Rheinland-Pfalz-Fest direkt nach dem stürmischen Koalitions-Ausschuss zum Mindestlohn als Gastgeber demonstrativ nur fünf Minuten für die Kanzlerin übrig gehabt.

Seite 1:

Harmonieübung vor dem Sommerloch

Seite 2:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%