Große Marke, kleines Unternehmen
Ein Name mit unverwechselbarer Handschrift

Der Stift als bloßes Werkzeug? Für Manfred Lamy ist ein Füller immer auch Stilmittel. Deshalb hat der Mittelständler Kuli und Füller mit Design veredelt.

HB Heidelberg. Wer in Heidelberg in den Grenzhöfer Weg einbiegt, der versteht spätestens am Firmenportal, dass der Gestaltungswille des Schreibgeräteherstellers Lamy nicht beim Stift endet. Das Entwicklungszentrum des Mittelständlers steckt in einem an Stahlseilen hängenden Glaskubus, und die Cafeteria heißt nicht Kantine, sondern Lamyteria und ist ein transparenter Glasbau. Design gilt in Heidelberg eben als maßgeblicher Erfolgsfaktor für den Aufstieg des Unternehmens.

"Unsere Stärke ist das Corporate Design, ein Stil, den wir auf alle Gestaltungsmerkmale des Unternehmens beziehen", erläutert Manfred Lamy, Firmenchef in zweiter Generation. Gerade für einen Mittelständler sei es wichtig, dass alles aus einem Guss ist. "Es muss immer ein besonderes Erlebnis sein, wenn der Kunde mit Lamy in Berührung kommt."

Das war nicht immer so. Nicht von Anfang an stand der Name Lamy bei Schreibgeräten für Eleganz. Als C. Josef Lamy 1930 seinen Job als Exportleiter beim Schreibgerätehersteller Parker aufgab und sich selbstständig machte, war von eleganter Gestaltung zunächst nicht allzu viel die Rede. Hergestellt wurden vielmehr preiswerte Schreibfüller, die unter dem Namen Artus und Ortus verkauft wurden. 1952 kam der erste Stift unter dem Namen Lamy auf den Markt.

Der Aufstieg begann 1966, als das Unternehmen mit dem vom Designer Gerd A. Müller entworfenen "Lamy 2000" seinen ersten Kugelschreiber in moderner, ausgefallener Gestaltung auf den Markt brachte. Die silbrig-schwarzen Füllfederhalter brachen damals radikal mit den gängigen Vorstellungen, wie ein Stift aussehen sollte. Die konsequente Designlinie brachte den Durchbruch. Der Heidelberger Hersteller verdreizehnfachte innerhalb von 20 Jahren seinen Umsatz. Ende der 80er-Jahre eroberte Lamy in Deutschland die Marktführerschaft bei hochwertigen Schreibgeräten.

"Für uns spielt Design eine zentrale Rolle im Marketingmix", meint Manfred Lamy. Der kunstsinnige Firmenchef legt stets Wert auf eine funktionale, zielgruppenorientierte Gestaltung. 1980 brachten die Heidelberger so den Lamy Safari auf den Markt, ein Modell, mit dem viele Kinder die Schulzeit verbinden. Das robuste Schreibgerät aus widerstandsfähigem Kunststoff und mit geriffeltem Griffstück wurde zur "Swatch unter den Füllfederhaltern", sagt Lamy. Immer wieder suchen die Heidelberger nach solchen Produktnischen. Die jüngste Neuigkeit der Traditionsfirma ist der Lamy-Kugelschreiber pico, der sich zum Einstecken auf die Größe eines Feuerzeugs verkleinern lässt. Mindestens zwei Neuentwicklungen ergänzen jährlich das Sortiment. So setzte die Firma im vorigen Jahr 55 Mill. Euro um. Zum Ergebnis sagt Lamy nur das eine: man arbeite profitabel.

Mit Sorge beobachtet der Geschäftsführer allerdings die Absicht der Bundesregierung, Aufwendungen für Werbeartikel als steuerlich absetzbare Betriebskosten zu streichen. Rund ein Drittel der Erlöse macht dieses Geschäft allein bei Lamy aus. Auch der Zeitgeist macht es den Herstellern zunehmend schwer. Die kleine Branche der Schreibgerätehersteller leidet seit Jahren darunter, dass in der Ära der E-Mail immer weniger Menschen zum Stift greifen. Manfred Lamy kann dem jedoch auch Gutes abgewinnen: "Der Schreibfüller wird immer mehr zum Prestigeobjekt." Das Schreibgerät als Statussymbol, das ist wieder ganz im Sinne des Heidelbergers.



Der schlichte Schreiber

Als 1966 der Lamy 2000 auf den Markt kam, galt der Stift als ungewöhnlich. Der Ex-Braun-Designer Gerd A. Müller hatte ein schlichtes Gerät aus schwarzem Kunststoff und Edelstahl entworfen. "Ein Kollege lachte, als ich ihm den neuen Stift zeigte. Verbildet vom üblichen Hochglanz, Gold und von Marmorierung, glaubte er, ich würde ein Halbfertigprodukt benutzen", erinnerte sich der Designer Bernt Spiegel. Heute gilt der Schreiber als moderner Klassiker.

Seit dem Erfolg des Lamy 2000 setzen die Heidelberger bei den Entwürfen für ihre Stifte regelmäßig auf die Hilfe freischaffender Designer. In der Fertigung lässt sich das Unternehmen aber nach wie vor keinen Schritt aus der Hand nehmen. Selbst die Tinte für den Füller und die Minen für die Kugelschreiber fertigt Lamy. Die gesamte Herstellung ist am Firmensitz in Heidelberg konzentriert. Rund 400 Mitarbeiter fertigen dort jährlich etwa sieben Millionen Stifte.

Im Gegensatz zu Konkurrenten wie Montblanc und Pelikan profitieren die Heidelberger kaum von der Nostalgiewelle für Füllfederhalter. Vor allem mit traditionsreichen Nachbauten von teilweise 50 Jahre alten Modellen macht die Branche heute wieder ein gutes Geschäft. Lamy jedoch ist mit modernem Design federführend und hat bis heute keine auf alt getrimmten Füllfederhalter im Angebot. Manfred Lamy ist darauf auch stolz: "Wir sprechen Leute an, die wissen, was eine moderne Form ist."

Quelle: Handelsblatt

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