Große Marken, kleine Unternehmen: Sebamed
Von Boppard auf die Bahamas

Vom romantischen Rhein aus will Sebapharma mit Cremes und Waschemulsion den Weltmarkt erobern. Den Marktführer zieht es bis nach Aserbaidschan.

HB BOPPARD. Die Geschichte der medizinischen Hautreinigung beginnt mit einem krassen Verstoß gegen die Vorschriften: Als die Leitung der Uniklinik Bonn an einem Wochenende im Jahr 1952 nicht anwesend ist, nutzt der junge Assistenzarzt Heinz Maurer die Gelegenheit und steckt Hautkranke in die Badewanne - und das, obwohl Waschverbot herrscht. Schließlich reizt übliche Kernseife die erkrankte Haut der Patienten nur noch mehr. Maurer aber hat sich eine leicht saure Waschemulsion besorgt, von seinem Bruder Willi, dem damaligen Besitzer der Rei-Werke ("Rei aus der Tube"). Das verbotene Experiment glückt: die Haut unbelastet, die Patienten sauber, Maurer stolz und die Chefs verärgert. Dem 30-Jährigen ist das egal: An diesem Wochenende im Jahr 1952 wird Waschemulsion mit dem pH-Wert 5,5 weltweit erstmals eingesetzt.

An einem sonnigen Montag, fünfzig Jahre später, stehen die Geschäftsführer Rüdiger Mittendorff und Thomas Maurer auf dem Vordach der Sebapharma-Zentrale und blicken auf den romantischen Rhein bei Boppard, auf Burg Liebenstein und auf Burg Sterrenberg. "Wenn uns Kunden besuchen, denken die oft, hier werde nur Urlaub gemacht", erzählt Mittendorff. Dabei wird dort auch gearbeitet: Knapp 200 Menschen beschäftigt die Sebapharma GmbH & Co KG. So heißt die Firma heute, die Assistenzarzt Maurer 15 Jahre nach seiner Entdeckung gegründet hat.

Seither ist das Familienunternehmen mit der Marke Sebamed Marktführer für medizinische Hautreinigung in Deutschland. Doch weil hier zu Lande der Markt stagniert, knöpft sich Sebapharma verstärkt den Weltmarkt vor. "In einigen Jahren wollen wir die Hälfte unseres Umsatzes im Ausland machen", sagt Mittendorff. 2001 entfiel ein Drittel des Umsatzes von 70,2 Mill. Euro auf den Export.

Von Boppard auf die Bahamas: Sebamed will seine Produkte künftig selbst auch in Ländern wie Aserbaidschan, Nigeria und Mexiko oder in der Karibik verkaufen. "Wir werden für viele Länder ganz eigene Produktkonzepte entwickeln", erläutert Thomas Maurer, Sohn des Firmengründers. Beispiel: "In Japan ist Haarefärben in. Zur Pflege der belasteten Haare und Kopfhaut liefern wir den Japanern ein spezielles medizinisches Shampoo."

Die Forscher von Sebamed werden sich ins Zeug legen müssen, denn das Wachstum soll nur durch neue Produkte und ohne Übernahmen erreicht werden. "Forschung und Entwicklung, Marketing und Vertrieb sind unsere Kernkompetenzen", sagt Rüdiger Mittendorff, stellvertretender Vorsitzender der Geschäftsführung. Die Produktion hat Sebapharma komplett an Lohnfertiger ausgelagert.

Den Erfolg der Marke schreibt Sebamed der "medizinischen Kompetenz" zu. "Wir sehen Sebamed-Produkte als Cosmedceuticals", sagt Mittendorff - also als Mischung aus Kosmetik und Arznei. Das sollen auch die Mexikaner und Aserbaidschaner so sehen, und dazu will Sebapharma beim Ausbau des Exports seinen Trumpf ausspielen: den wissenschaftlichen Beirat.

Die dort vertretenen Professoren, allesamt Koryphäen auf dem Gebiet von Hauterkrankungen, sind für Sebapharma Bindeglied zwischen der eigenen und der universitären Forschung - ihr Wissen ist für das Unternehmen Gold wert. Mit ihren Kontakten zu Kollegen und Ärzten in aller Welt sollen sie Sebapharma manch fremde Märkte öffnen - oder diese wie im Fall Nigeria überhaupt erst schaffen.

Die Marke "hautneutral" Der Wert ist weltbekannt, doch nur wenige wissen, was er bedeutet: pH 5,5 - damit wirbt nicht nur Sebamed für seine Waschemulsion oder Hautcreme, sondern auch Konkurrenzmarken wie Eucerin oder Lanosan. Ph 5,5 heißt soviel wie "hautneutral" - der Wert zeigt an, dass die Waschemulsion leicht sauer ist und genau dem Säurewert der Haut entspricht. Sie greift daher nicht den Säureschutzmantel an, so wie normale Seife, die einen pH-Wert von mehr als sieben hat. Seit der Entdeckung der Wirkung von pH 5,5 durch Sebapharma-Chef Heinz Maurer ist Sebamed zur namhaftesten Marke für medizinische Hautpflege in Deutschland aufgestiegen. Untersuchungen des Unternehmens beziffern die Bekanntheit in der Bevölkerung auf 60 %. Rund 36 % des deutschen Marktes entfällt auf Marktführer Sebamed, dicht gefolgt von der Marke Eucerin von Beiersdorf und Eubos von der Dr. Hobein & Co. Nachf. GmbH in Meckenheim. Das Geschäft ist stabil: Mit Produkten vom Anti-Schuppenshampoo bis hin zur Nachtcreme hat Sebapharma zwischen Januar und August 49 Mill. Euro umgesetzt, rund 6 % mehr als im Vorjahr. Bis Jahresende sollen es 75 Mill. Euro werden - vor allem das Auslandswachstum treibt den Umsatz. Der Entdecker von pH 5,5, Firmengründer Heinz Maurer, wacht noch heute im Alter von 81 Jahren als Vorsitzender der Geschäftsführung über das Unternehmen. Quelle: Handelsblatt

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