Großer Aufwand am Wahlsonntag
Wie die Wahlforscher zu ihren Prognosen kommen

Wenn die letzte Wahlrede gehalten ist, schlagen die Umfrageinstitute ihre große Schlacht. Penibel und mit Millionenaufwand haben sie den Wahlabend vorbereitet - doch die Unsicherheit ist gewachsen.

BERLIN. Die Wahllokale am Nachmittag des 27. September 1998 waren noch längst nicht geschlossen, da machten im Bonner Regierungsviertel zwei Sätze die Runde, die mehr als ein Gerücht wiedergaben: "Kohl ist weg. Rot-Grün hat die Wahl gewonnen." Die Sätze drangen aus den Parteizentralen, und sie waren gut mit Zahlen unterfüttert. Die Basis legten die Wahlnachfragen der Demoskopen, also die Prognosen, die dann um Punkt 18 Uhr über die TV-Sender gingen. Diese Prognosen sind das Produkt einer mit Millionenaufwand betriebenen Schlacht um die besten Zahlen, eine Schlacht, die am Wahlabend drei Institute gegeneinander austragen: Infratest Dimap (ARD), die Forschungsgruppe Wahlen (ZDF) und Forsa (RTL).

Werden sie - nach der derzeit noch verwirrenden Vielfalt der Umfrageergebnisse - auch dieses Mal für Klarheit sorgen? "Die exit polls", sagt Dieter Roth, Vorstandsmitglied der Forschungsgruppe Wahlen, "sind sehr verlässlich". Letztes Mal habe sich die Prognose seines Instituts im Schnitt um 0,13 Prozentpunkte vom tatsächlichen Ergebnis unterschieden.

Die Methodik der Wahlnachfrage ist relativ simpel. Die Interviewer der Institute fragen in repräsentativ ausgewählten Wahlkreisen die Wähler nach ihrer Stimmabgabe. Allein dafür hat beispielsweise die Forschungsgruppe 500 Mitarbeiter (von insgesamt 2000) im Einsatz, die von Öffnung der Wahllokale bis zu deren Schließung rund 25 000 bis 30 000 Interviews sammeln. Die Ergebnisse laufen fortwährend in die Computer ein, so dass am Nachmittag die Trends klar sein können - so wie das 1998 der Fall war.

Etwa zehn Minuten nach 18 Uhr flimmern dann die ersten Hochrechnungen über die Mattscheiben. Eigentlich sollten sie auf den tatsächlichen Ergebnissen ausgezählter Stimmbezirke fußen. Tatsächlich aber sind diese ersten so genannten Hochrechnungen eine Mischung aus der Prognose und den Ergebnissen aus den wenigen dann schon ausgezählten Stimmbezirken. Dazu gehören sehr kleine Wahllokale sowie die Kölner Wahlkreise, wo erstmals per Wahlautomat abgestimmt wird. Den Grund dafür, dass die Hochrechnungen immer früher kommen, erzählt ein Insider: " Jeder Fernsehsender will unbedingt die erste haben. Da wird Druck ausgeübt." Erst nach einer guten halben Stunde kann man von echten Hochrechnungen sprechen.

An diesem Wahlabend könnte der Job der Demoskopen noch schwieriger werden. Dafür kann die PDS sorgen, die nach Umfragen knapp unter fünf Prozent liegen wird, aber die Chance hat, über den Gewinn von drei Direktmandaten wieder in den Bundestag zu kommen. Dann zögen die Sozialisten mit so vielen Abgeordneten in den Bundestag ein, wie es ihrem Stimmenanteil entspricht. Die Forschungsgruppe hat in die für die PDS direkt gewinnbaren Wahlkreise Beobachter entsandt.

Ein zweiter Unsicherheitsfaktor sind die Überhangmandate; sie entstehen, wenn eine Partei über die Erststimmen mehr Direktmandate erringt als ihr nach dem prozentualen Anteil der Zweitstimmen zustehen. Davon könnte nach Meinung des Wirtschaftswissenschaftlers Lorenz Jarass vor allem die SPD im Osten profitieren, wie bereits 1998. Dort, wo die SPD laut Umfragen weit vor der Union liegt, reicht wegen der Stärke der PDS oft schon ein Stimmenanteil von gut 35 Prozent, um einen Wahlkreis zu erobern. Selbst ein Stimmenvorsprung von 1,4 Punkten für CDU/CSU und FDP würde für den Regierungswechsel bei zu erwartenden rund sieben Überhangmandaten nicht reichen, hat Jarass - spekulativ - berechnet. Die Zahl der Abgeordneten wird wegen der Wahlkreisreform auf jeden Fall geringer sein: Ohne Überhangmandate werden 598 Abgeordnete gewählt, 1998 waren es noch 656.

Ein weiterer Unsicherheitsfaktor ist, dass die Wähler unberechenbarer geworden sein könnten. Am morgigen Samstag will Allensbach eine letzte Einschätzung vorlegen, allerdings nur auf wenig neuen Zahlen basierend. Allensbach-Sprecher Edgar Piel, der erhebliche Schwankungen bei den Zahlen seines Instituts erklären muss: "Es ist in letzter Zeit zu Bewegungen gekommen, so dass die Lage sehr schwer einzuschätzen ist. Die Demoskopie ist im Härtetest."

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