Großer Vertrauens- und Imageverlust für den Autokonzern
Daimler-Chryslers Stern sinkt

Der Stern der Daimler-Chrysler-Aktie sinkt stetig. Die Klage des Großaktionärs Kirk Kerkorian hatte nach den Gewinnwarnungen Anfang November und dem Austauch der Führungsspitze bei der Chrysler-Sparte am Montag erneut für Wirbel bei den Stuttgartern geführt. Am Mittwoch meldeten sich bereits erste kritische Stimmen zu Wort und verlangten den Rücktritt von Konzernlenker Jürgen Schrempp.

dpa-afx FRANKFURT. Der Würzburger Wirtschaftsprofessor und Aktionärsschützer Ekkehard Wenger erläuterte, Jürgen Schrempp habe mit seinem "pubertären Interview" in der "Financial Times" die Klage von Kerkorian herbeigeredet.

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Der steitbare Wirtschaftsprofessor hatte in einem Interview mit dem Hamburger Magazin "Stern" den Rauswurf von Daimler-Chrysler-Chef Jürgen E. Schrempp und vom Aufsichtsratchef Hilmar Kopper gefordert. Wenger bestätigte, er werde "mit einigen Mitstreitern auf der nächsten Hauptversammlung des Unternehmens die Tagesordnung erweitern lassen und die Abberufung von Kopper als Aufsichtsratschef verlangen". Wenger griff die Konzernführung mit scharfen Worten an. Kopper habe in seiner Position "versagt". Schrempp verstehe von strategischen Unternehmensentscheidungen nicht mehr "als eine Kuh vom Sonntag".

Außerdem forderte Wenger die Ausgliederung und den Wiederverkauf von Chrysler an der Börse. Enttäuschten Kleinaktionären rät der Professor, ihre Bank wegen Falschberatung zu verklagen, "falls diese ihnen den Umtausch der alten Daimler-Aktien in Papiere des fusionierten Konzerns empfohlen hat". Schrempp hatte in dem Interview erklärt, Daimler Benz habe im vornherein geplant, Chrysler als Sparte des Stuttgarter Konzerns zu führen.



Imageschaden und Vertrauensverlust bei Daimler-Chrysler beträchtlich

Bei der Schutzgemeinschaft für Wertpapierbesitz (DSW) erklärte Klaus Kessler, die Klagen aus den USA seien ernstzunehmen. "Schrempp hat mit seinen Äußerungen Kerkorian die Steilvorlage für seine Klage geliefert", resümierte Kessler, Sprecher der DSW bei den Hauptversammlungen von Daimler-Chrysler. Die Milliardenklage des Milliardärs dürfte jedoch nicht erfolgreich sein, sagte Kessler. Der Imageschaden und Vertrauensverlust bei Daimler-Chrysler seien beträchtlich.

Der Leiter der Forschungsstelle Automobilwirtschaft an der Universität Bamberg, Wolfgang Meinig, hält indes eine Aufspaltung des Daimler-Chrysler-Konzerns und damit eine Aufhebung der Fusion für möglich. Amerikanische Gerichte seien bekannt dafür, dass sie "unkonventionelle und überharte Urteile" fällten, sagte Meinig am Mittwoch im Saarländischen Rundfunk zu den angekündigten Aktionärsklagen gegen den Zusammenschluss. "Ich halte es durchaus für denkbar, dass der Rückwärtsgang eingelegt werden muss."

Meinig hält es für denkbar, dass Schrempps "freimütige" Interview-Äußerungen jetzt durchaus "zum Fallstrick" werden könnten. US-Gerichte seien ebenso wie europäische "sehr auf der Hut, wenn es um die Prospektwahrheit und Klarheit geht. Es darf jedenfalls nicht gelogen werden." Die jetzige Entwicklung sei für den Konzern "ohne Zweifel gefährlich", sagte Meinig. Schrempp habe nach der Fusion wenig Fingerspitzengefühl im Umgang mit den "Überbrückungsaufgaben in den unterschiedlichen Kulturen" bewiesen. Was Geschmeidigkeit und taktisches Geschick angehe, bestehe "durchaus noch Lernbedarf".



Einblicke in die deutsch-amerikanische Zusammenarbeit

Aufsichtsratsmitglied Manfred Göbels gab der "Wirtschaftswoche" in einem am Mittwoch vorab verbreiteten Interview Einblicke in die deutsch-amerikanische Zusammenarbeit: "Wir haben viel zu lange darauf vertraut, dass unsere amerikanischen Partner dieselben Ziele verfolgen wie wir."

Er sagte auch: `Aber bei unserem letzten Führungskräftetreffen bildeten die US-Manager eigene Grüppchen und auch die deutschen Führungskräfte blieben unter sich." Auf die Frage, ob Schrempp einer Fehleinschätzung aufgesessen sei, als er bei der Fusion Chrysler als Produktivitätsweltmeister dargestellt hatte, sagte Göbels: "Ich kann darüber allenfalls spekulieren. Aber offensichtlich wurden uns in der Vorbereitungsphase der Fusion von Chrysler nicht alle entscheidenden Kennzahlen zugänglich gemacht." Der Nachrichtenagentur AP sagte Göbels weiter, der neue Chrysler-Chef Dieter Zetsche werde dem Aufsichtsrat im Februar berichten, wie die Lage sei. Danach wisse man, "was ist Dichtung, und was ist Wahrheit".

Die Frankfurter BHF-Bank hielt unterdessen ihr Kursziel nach den Turbulenzen beim Autobauer weiterhin bei 46 Euro aufrecht. Die Sanierungsbemühungen von Daimler bei der US-Tochter Chrysler würden jedoch durch die Klage und das Interview von Schrempp deutlich erschwert, sagte Erik Burgold, Autoanalyst der Bank. "Das Vertrauen der Mitarbeiter und Aktionär leiden unter soll derart unüberlegten Aussagen. Zudem habe Schrempp, der Kerkorians Vorwürfe für völlig unbegründet hält, mit seinen Ausssagen "keine glückliche Hand" bewiesen.



Arbeitnehmervertreter sprechen mit Blick auf die Klagen von "Abzockerei"

Der Arbeitnehmervertreter im Aufsichtsrat der Daimler-Chrysler AG, Helmut Lense, hat unterdessen die in den USA gegen den Automobilkonzern Daimler-Chrysler eingereichten Schadensersatzklagen als Abzockerverein bezeichnet. "Das ist schlichtweg Abzockerei", sagte Lense am Mittwoch am Rande einer Protestveranstaltung von Daimler-Mitarbeitern gegen die Rentenreform. Der Großaktionär Kirk Kerkorian müsse sich einmal überlegen, was Chrysler ohne die Fusion wert wäre. Schließlich hätten die Chrysler-Aktionäre bei der "Fusion" sehr gut abgeschnitten, hieß es dagegen von Branchenkennern.

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