Großes Potenzial
Osteuropa lockt Banken mit hohem Wachstum

Herbert Stepic verfällt leicht in Euphorie, wenn er über die Wachstumsaussichten in Osteuropa spricht. „Diese Dynamik wird anhalten“, prophezeit der Chef der österreichischen Großbank Raiffeisen International regelmäßig. Und die Zahlen geben ihm recht: Osteuropa boomt.

FRANKFURT. Nach wie vor boomt die Wirtschaft in den einstmals kommunistischen Ländern und schafft damit für Banken paradiesähnliche Zustände. Zumindest für jene, die sich frühzeitig für den Gang nach Osten entschieden haben – bei Stepic war das noch vor dem Fall des Eisernen Vorhangs der Fall. Heute ist die Raiffeisen International (RI) gemessen an der Bilanzsumme die Nummer zwei in Zentral- und Osteuropa (CEE). Unangefochtene Nummer eins ist die italienische Unicredit, knapp hinter der Raiffeisen International rangiert die Erste Bank aus dem österreichischen Sparkassenlager.

Osteuropa und Russland haben sich der Finanzkrise und der daraus resultierenden Abschwächung des Wirtschaftswachstums zwar nicht ganz entziehen können. Doch die Abkühlung ist verglichen zu Westeuropa oder den USA marginal. Unicredit beispielsweise geht für die Teilregion Zentraleuropa bis 2010 im Schnitt von jährlichen Wachstumsraten um die 4,5 Prozent aus – nur ein Prozentpunkt weniger als in den vergangenen drei Jahren. Für Länder wie Russland, die Türkei, Kasachstan oder die Ukraine wird im Schnitt sogar mit sechs Prozent gerechnet. Werte, von denen Banker in gesättigten Märkten wie Westeuropa nur träumen können.

Hinzu kommt: Das Wachstum in Osteuropa ist fundamental begründet. Nach wie vor leben oftmals zwei oder drei Generationen unter einem Dach. Mit steigendem Einkommen wächst der Wunsch nach dem eigenen Haus – genauso wie nach einem Auto, dem Fernseher oder dem Handy. Die Konsequenz für die Finanzbranche liegt auf der Hand. „Es gibt einen unglaublichen Nachholbedarf bei Bankprodukten“, sagt Raiffeisen-International-Analyst Walter Demel. Haupttreiber sei vor allem das Privatkundengeschäft – Konsumentenfinanzierungen, Sparbücher oder Hypotheken. Weitgehend stabile Erträge sind damit garantiert. In einer Zeit, in der das Investment-Banking bei vielen Investoren in Ungnade gefallen ist, ein nicht zu unterschätzender Pluspunkt.

Wie groß das Potenzial nach wie vor ist, verdeutlicht eine einfache Zahl. Zählt man das Volumen von Einlagen und Krediten in der Region zusammen und stellt es ins Verhältnis zur Wirtschaftsleistung, ergibt sich in etwa der Faktor 0,8. In der Euro-Zone liegt dieser hingegen fast dreimal so hoch. Alleine 2006 legte die Bilanzsumme der in Zentral- und Osteuropa tätigen Kreditinstitute in Summe um 28 Prozent auf knapp 1,1 Bill. Euro zu. Die Raiffeisen International hält bis Ende 2011 sogar eine Verdopplung auf rund 2,5 Bill. Euro für möglich.

Für einige Bankenmärkte Osteuropas hat die Finanzkrise sogar positive Effekte. Denn vor ihrem Beginn drohte in einzelnen Ländern durchaus eine Überhitzung, wenn es etwa um Konsumentenkredite ging. Diese Entwicklung hat sich zumindest abgeschwächt. Ein Umstand, von dem deutsche Geldhäuser übrigens kaum profitieren können. Denn als die neuen Märkte im Osten verteilt wurden, waren Deutsche Bank und Co. vor allem mit dem Aufbau ihres Geschäfts in Ostdeutschland beschäftigt. Flächendeckende Filialnetze der deutschen Häuser oder Beteiligungen gibt es deshalb nur in wenigen Ländern.

Hans G. Nagl
Hans G. Nagl
Handelsblatt / Senior Financial Correspondent
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