Großhändler bleiben skeptisch – Einige Krankenkassen erstatten Kosten
Trübe Aussichten für deutschen Pharma-Versand

Dafür sprechen die Erfahrungen im Ausland. Entsprechend gering ist das Interesse des Großhandels.

FRANKFURT/M. Der Versandhandel mit Arzneimitteln dürfte auf absehbare Zeit keine herausragende Rolle im deutschen und europäischen Pharmageschäft spielen. Das ist das Ergebnis einer Studie der Beratungsgruppe Cap Gemini Ernst & Young, die im Auftrag des Bundesverbandes des pharmazeutischen Großhandels (Phagro) die Situation in den USA und mehreren europäischen Märkten untersuchte.

Eine Einführung des Versandhandels, wie er derzeit in Deutschland diskutiert werde, könne die erwarteten Sparpotenziale nicht gewährleisten, schreiben die Experten von Cap Gemini. Nennenswerte Einsparungen könne allenfalls eine massive Reform des gesamten Gesundheits-Systems mit Übergang auf amerikanische Strukturen bringen. Die führenden europäischen Pharma-Handelskonzerne zeigen offenbar wenig Interesse an einem Engagement im Versandhandel. Jürgen Brink, der Vorstandsvorsitzende der Sanacorp AG, spricht von einer "Geisterdiskussion". Gehe-Chef Fritz Oesterle verweist darauf, dass es bisher keine tragfähigen Geschäftsmodelle für den Versandhandel in Europa gebe.

Der Verband Phagro sprach sich am Montag erneut dafür aus, das bestehende Verbot des Versandhandels in Deutschland beizubehalten. Die Diskussion um den Versandhandel mit Arzneimitteln hatte in den vergangenen Monaten erheblich Wellen geschlagen, nachdem mehrere Krankenkassen damit begonnen hatten, Lieferungen der niederländischen Versand-Apotheke Doc Morris zu erstatten. Die Apotheker-Verbände versuchen derzeit, dies auf juristischem Wege wieder rückgängig zu machen.

Die konzertierte Aktion im Gesundheitswesen hatte sich allerdings im April - gegen das Votum von Apotheken und Großhandel - für eine bedingte Freigabe des Versandhandels ausgesprochen, ebenso wie Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt. Zudem wird nach Erwartung vieler Experten die Rechtsprechung des Europäischen Gerichtshofes im kommenden Jahr wohl eine Freigabe erzwingen. Erfahrungen aus der Schweiz und den Niederlanden sprechen jedoch eher gegen für einen schnellen Siegeszug des Versandhandels nach der Freigabe.

Obwohl die Vertriebsform in den beiden Märkten schon seit längerem zugelassen ist, fristen Arzneimittel-Versender nach wie vor ein Schattendasein. Sie erreichen in der Schweiz lediglich einen Anteil von 2% und in den Niederlanden von 0,13% am gesamten Pharmamarkt. Den Grund sehen die Cap-Gemini-Analysten vor allem darin, dass der Versandhandel für die Patienten relativ wenig Anreiz bieten kann. Anders sieht es in den USA aus, wo Versand-Apotheken inzwischen einen Marktanteil von etwa 13% erobert haben.

Entscheidend dafür ist allerdings der Rückenwind durch die so genannten Pharmacy Benefit Manager (PBM), die Arzneimitteleinkäufe für die Mitglieder großer Versicherungen und Unternehmen bündeln. Eine ähnliche Entwicklung ist in Deutschland daher aus Sicht von Cap Gemini nur denkbar, wenn Arzneimittel- und Apothekenrecht weitgehend liberalisiert würden und die Krankenkassen zu Managed-Care-Organisationen nach US-Vorbild mutierten. Damit würde letztlich eine Abkehr von einheitlichen Arzneimittelpreisen in Deutschland sowie eine Zulassung von Apotheken-Ketten einhergehen.

Experten aus dem Pharmahandel befürchten indes, dass bei einem Übergang auf amerikanische Strukturen im Arzneimittelsektor die Ausgaben deutlich steigen. Bernd Scheifele, Chef der Mannheimer Phoenix Pharmahandel AG & Co KG, geht davon aus, dass es in verschiedenen Segmenten des Pharmamarktes und Regionen zu deutlichen Preiserhöhungen kommen könnte. Auch in den USA hatte der Aufstieg der Versand-Apotheken offenbar die Ausgabenentwicklung nicht gedämpft. So konnten Pharmahersteller in den vergangenen Jahren ungeachtet der Einkaufsmacht der PBM deutliche Preiserhöhungen durchsetzen. Nach Daten der Verbraucher-Organisation Public Citizens verteuerten sich allein im vergangenen Jahr die 50 meistverkauften Medikamente auf dem US-Markt im Schnitt um gut 8%. In mehreren US-Staaten werden inzwischen Gesetzesinitiativen diskutiert, die auf Preisbeschränkungen für Arzneimittel hinauslaufen.

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