Großkanzleien verlassen den deutschen Osten
Anwälte flüchten zurück in den Westen

Junge Anwälte glauben, in Leipzig spielen Kinder in den Schlaglöchern der Straßen: Gute Nachwuchsjuristen sind nicht für den Osten zu gewinnen, sagt Nikolaus Reinhuber, Partner der Kanzlei Freshfields. Seine Kanzlei hat vor Kurzem das Leipziger Büro geschlossen: "Wir kriegen nicht die Leute, die wir wollen - die gehen lieber nach Frankfurt."

DÜSSELDORF Mittlerweile haben nahezu alle Großkanzleien ihre Dependancen in Ostdeutschland geschlossen. Der Rückzug schadet nicht nur dem Image der Law-Firms, sondern auch dem Ruf des Wirtschaftsstandorts.

Gerade Leipzig hat einen gewaltigen Aderlass zu verkraften: Clifford Chance Pünder, nach Anwaltszahl Weltmarktführer, die Nummer zwei Freshfields Bruckhaus Deringer, das deutsch-britische Haus Linklaters Alliance sowie Wessing und Gaedertz haben dort ihre Pforten geschlossen.

Die anderen ostdeutschen Großstädte tauchten in den Expansionsplänen deutscher und internationaler Sozietäten in den neunziger Jahren ohnehin kaum auf: In Potsdam ist von den Großen der Branche einzig Heuking Kühn Lüer vertreten - nach der Zahl der Anwälte die Nummer 18 in Deutschland. Von den 20 Top-Kanzleien haben nur Rödl & Partner unter anderem in Jena und Menold Aulinger in weiteren Städten wie Halle oder Erfurt Büros. In Mecklenburg-Vorpommern findet sich nicht ein einziger großer Name der Szene.

In fast allen Städten teilen mittlerweile die kleinen Boutiquen den Markt der Rechtsberatung unter sich auf. Für Leipzig jedoch ist es ein Image-Problem, dass die Branchen-Führer zwar mal vor Ort waren, die Stadt aber mittlerweile verlassen haben. "Das wirkt so, als sei dort nichts mehr zu tun - keine Neuansiedlung, keine Unternehmensaufkäufe, keine Investitionen", sagt ein Anwalt, der der Stadt vor einem Jahr den Rücken kehrte. Auch ein lokaler Verbandsvertreter, der nicht genannt werden will, klagt: "Der Abmarsch der Fachleute trübt die Aufbruchstimmung, die wir bräuchten".

Im Fahrwasser der Treuhand sind die meisten Kanzleien nach Leipzig gegangen - und mit dem praktischen Ende der Treuhand-Arbeit gehen sie nach und nach wieder. Auch die Hoffnung, von Leipzig aus die Märkte in den EU-Beitrittsländern zu erobern, hat sich für die meisten zerschlagen. Nikolaus Reinhuber von Freshfields glaubt, dass Anwälte bei ihren Mandanten vor Ort sein sollten, denn: "All business is local." Seine Kanzlei ist daher mittlerweile direkt in Prag, Budapest und Bratislava vertreten, Clifford Chance Pünder in Moskau, Budapest, Prag und Warschau. In Bratislava, Bukarest sowie Budapest und Warschau ist Linklaters zu finden.

Die Begründungen für die Kanzlei-Flucht sind unterschiedlich. Ehrgeizige Junganwälte gehen lieber in große Einheiten, weil dort mehr Partnerstellen zu besetzen sind. Die Folgen hat Reinhuber erlebt: "Wir waren eine zu kleine Einheit, um dauerhaft komplexe Fälle bearbeiten zu können".

Michael Weller von Clifford Chance Pünder erläutert: "Das Geschäft in Leipzig ist stärker lokal geprägt - weniger international". Sein Kollege Markus Hartung von Linklaters Alliance ergänzt: "Die Bereiche steuerliche Strukturberatung oder Unternehmenskäufe finden dort nicht mehr statt". Und davon lebt seine Kanzlei hauptsächlich.

Das Geschäft, das in Leipzig und Dresden noch läuft, hat dagegen fast morbiden Charakter: Die deutsch-englische Kanzlei CMS Hasche Sigle Eschenlohr arbeitet in Leipzig, Dresden und Chemnitz nach Auskunft von Managing Partner Cornelius Brandi erfolgreich - mit Schwerpunkt Insolvenzrecht.

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