Großprojekte geben der Technik neuen Schub
Anlage erzeugt Strom mit Hilfe von Erdwärme

Der Wettlauf um das erste Geothermie-Kraftwerk auf deutschem Boden hat begonnen: Im baden-württembergischen Bad Urach erkunden Forscher die geologischen Voraussetzungen für ein Pilotkraftwerk. "Bis Ende 2003 werden die meisten Grundlagen ermittelt sein", sagt Helmut Tenzer, der für die Stadtwerke das Projekt leitet. Schon in 2004 könnte dort allein durch das Anzapfen der natürlich vorhandenen Erdwärme in viereinhalb Kilometern Tiefe rund ein Megawatt Strom erzeugt werden. Die Leistung entspräche in etwa einer größeren Windkraftanlage.

KÖLN. Ab sieben Megawatt sei die Anlage nach dem Energieeinspeisegesetz wirtschaftlich, kalkuliert Projektleiter Tenzer. Zu den 6,5 Mill. Euro, die das Umweltministerium für die unterirdische Erkundung bereit stellt, seien knapp drei Mill. Euro für Investitionen über Tage nötig. Als Industriepartner sind der Hamburger Windanlagenbauer REPower Systems und der Energieversorger EnBW beteiligt.

Erdwärme rückt als saubere regenerative Energieform zunehmend in den Blickpunkt. "Lange wurde das Potenzial unterschätzt, weil der Aufwand der tiefen Bohrungen abgeschreckt hat", sagt Dagmar Oertel vom Büro für Technikfolgen-Abschätzung beim Deutschen Bundestag. Das habe sich geändert. Oertel arbeitet an einer Bestandaufnahme über mögliche Geothermie-Kraftwerke, die im Herbst veröffentlicht werden solle.

Selbst wo unterirdisch kein Dampf oder heißes Wasser lagert, kann das Bohren tiefer Löcher lohnen. Die kristallinen Gesteine 4 445 Meter unter Bad Urach haben auf Grund einer geothermischen Anomalie eine Temperatur von rund 170 Grad Celsius. Im so genannten Hot-Dry-Rock-Verfahren (HDR) soll kaltes Wasser mit Hochdruck durch ein Rohr nach unten gepresst werden. Dort soll es sich durch ein Netzwerk von Rissen im aufgeweiteten Gestein einen Weg bahnen zu einer zweiten Bohrung, die 200 bis 600 Meter entfernt ist, und schließlich erhitzt wieder aufsteigen. Ein zweiter Kreislauf, in dem eine niedrig siedende Flüssigkeit zirkuliert, nimmt die Hitze des Wassers auf und wandelt sie um in Strom.

Experten wie Werner Bussmann von der Geothermischen Vereinigung setzen große Hoffnung auf die Energie aus der Erde: "Geothermische Kraftwerke können künftig auch in unseren Breiten einen interessanten Beitrag zu einer klimaschonenden Energieversorgung leisten." Allein der unterirdische Wärmepool im Oberrheintal könne ein Drittel des Strombedarfs in Deutschland decken, schätzt Bussmann optimistisch.

Bisher erschien es als unrealistisch, in nichtvulkanischen Gebieten geothermisch Strom produzieren zu wollen. Das hat sich durch die verbesserte Turbinentechnik geändert: Turbinen, wie sie etwa das italienische Unternehmen Turboden, der israelische Marktführer Ormat oder Siemens bauen, arbeiten mit Flüssigkeiten, die schon ab 30 Grad verdampfen und bei niedrigen Temperaturen einen Turbinenprozess ermöglichen. Schon ab 80 bis 100 Grad wird hier die Stromerzeugung möglich - Temperaturen, die bereits Thermalwasser im Voralpenland, im Oberrheintal oder Nordostdeutschland bieten.

Großprojekte geben der Technik nun einen Schub: So arbeitet das Geoforschungszentrum Potsdam daran, mit Hilfe eines ehemaligen Erdgaslochs in der brandenburgischen Schorfheide Strom zu erzeugen. Unterirdische Heißwasservorräte könnten das Vorhaben erleichtern. Derzeit gelingt es, pro Sekunde 25 Kubikmeter des 150 Grad heißen Wassers nach oben zu fördern. "Um erfolgreich zu sein, müssen allerdings die Förderraten um das zwei- bis dreifache erhöht werden", sagt Ernst Huenges von Geoforschungszentrum. Gelingt dies, könnte bereits in zwei Jahren Strom gewonnen werden - eher als in Bad Urach.

Auch die Ruhruniversität Bochum will zwei Bohrungen setzen - um den Wärmebedarf der Hochschule zu decken. Die geschätzten Investitionen von 25 Mill. Euro sind überschaubar angesichts derzeitiger Heizkosten von sechs Mill. Euro im Jahr. Und das Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven will über fünf Kilometer tief bohren, um zu heizen und Strom zu erzeugen. Als Wärmeträger soll das schnell siedende Ammoniak eingesetzt werden.

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