Großunternehmen ziehen nicht mit: Der Kodex wird noch nicht gelebt

Großunternehmen ziehen nicht mit
Der Kodex wird noch nicht gelebt

Viele Börsentitel nehmen es mit der Corporate Governance offenbar noch nicht so genau, wie die Kritik von Experten zeigt. Fazit: Es gibt vollmundige Erklärungen zum Kodex, aber nur wenige halten sich daran.

DÜSSELDORF. Auch ein Jahr nach Verabschiedung des Corporate-Governance-Kodex ist Deutschland immer noch kein Musterland in Sachen Unternehmensführung. Denn die Zwischenbilanz fällt nach einem Jahr nüchtern aus. Viele Unternehmen weichen von der Forderungen des Kodex ab. Experten kritisieren dies, sehen aber auch Ansätze zu Verbesserungen. Am 26. Februar 2002 waren die Regeln offiziell in Berlin vorgestellt worden, eine Kommission unter Leitung des Thyssen-Krupp-Aufsichtsratschef Gerhard Cromme hatte sie erarbeitet. Im Kodex ist zu unterscheiden zwischen Empfehlungen, von denen die Unternehne zwar abweichen können, diese aber offenlegen müssen und Anregungen, von denen ohne Offenlegung abgewichen werden kann.

Die Managementberatung Towers Perrin hat gefragt, wie und ob die großen deutschen Unternehmen den Kodex umsetzen. Die aktuelle Studie bemängelt nun, dass mehr als ein Drittel der Dax-100-Gesellschaften auf einen angemessenen Selbstbehalt bei D&O-Versicherungen verzichtet. Diese Policen sichern Führungskräfte gegen Schadensersatzforderungen aus Managementfehlern ab. Fast überhaupt nicht umgesetzt ist die an den Vorstand gerichtete Anregung, bei außerordentlichen Geschäftsaktivitäten, etwa bei Übernahmen, die Hauptversammlung und den Aufsichtsrat einzubeziehen.

Auch in der Transparenz mangelt es: Bei neun Unternehmen hapert es bei der variablen Vergütung des Vorstands, und insgesamt nur vier Unternehmen sind bislang der Anregung gefolgt, die Vorstandsvergütung individuell im Konzernanhang auszuweisen.

Michael H. Kramarsch, Managing Partner bei Towers Perrin Deutschland, zieht keine gute Bilanz: "Die Strategie der Kodex-Kommission, nach obligatorischen Empfehlungen und freiwillig umzusetzenden Anregungen zu unterscheiden, hat sich nicht bewährt." So folgten der Anregung, dass der Prüfungsausschuss einer Gesellschaft nicht durch den Aufsichtsratsvorsitzenden geführt werden soll, nur zwei Unternehmen. Und: Noch immer hätten 22 Unternehmen keine Rechnungslegung nach internationalem Standard, wie sie im Kodex gefordert werde.

Experten geben dem Kodex trotz der Kritik Chancen. Der Kodex habe "bereits erhebliche Aufklärungsarbeit geleistet", sagt Christian Strenger, Aufsichtsrat der DWS Investment GmbH und Mitglied der Regierungskommission Corporate Governance. Derzeit überwieg im Urteil der Experten jedoch noch die Kritik: Theodor Baums, Direktor des Instituts für Bankrecht an der Uni Frankfurt und Vorsitzender der Regierungskommission Corporate Governance kritisiert die Zielvorgaben des Kodex insbesondere bei der Verwendung von Aktienoptionsprogrammen zur Managementvergütung. "Wenn die HV über junge Aktien zur Bedienung von Optionsprogrammen beschließt, dann muss ein Vorstandsbericht über den Wert des Programms her. Das gehört in den Kodex rein." Zudem sei es falsch, dass die Zielvorgaben (Ausübungshürde) ausschließlich im eigenen Aktienkurs bestehen. Baums: "Damit handelt man sich Probleme ein wie Anreiz zur Manipulation des Aktienkurses oder die Belohnung von Underperformern."

Die Towers-Perrin-Studie kommt zu dem Fazit, dass nur sieben Unternehmen alle Empfehlungen des Corporate-Governance-Kodex umgesetzt haben: Altana, Celanese, Infineon, Krones, Metro, Schering und Südzucker. Sieben Gesellschaften sind den Empfehlungen nur bis zu maximal 80 % nachgekommen: AMB Generali, AVA, Beate Uhse, Drägerwerke, Rhoen-Klinikum, Sixt und Zapf Creation. Und nur 6 von 100 Unternehmen haben in den Entsprechenserklärungen überhaupt Anregungen der Corporate-Governance-Kommission aufgegriffen. Henkel, Altana, Techem und Daimler-Chrysler zeichnen sich dabei mit Werten bis zu 63 % durch den höchsten Grad der Umsetzung aus.

Für Kapitalmarktexperte Strenger zeigt die Einführung der Corporate-Governance-Regeln trotz der Defizite bereits positive Folgen. "Durch den Kodex sind wir in das obere Drittel im internationalen Vergleich gerutscht. Jetzt kommt es darauf an, das durch Qualität auch zu leben." Dass der Kodex "insgesamt einen enormen Schub gebracht hat", findet auch Baums. "Ich glaube dass das insgesamt eine gute Sache ist, was die Cromme-Kommission da gemacht hat."

Nach Ansicht von Thomas Austmann und Thomas Müller Bonanni, Rechtsanwälte bei der Kanzlei Freshfields Bruckhaus Deringer, ist die nur teilweise Umsetzung des Kodex nur eine vorübergehende Situation. Interessierte Anleger und Analysten würden künftig verstärkt nach der Beachtung der Empfehlungen des Kodex fragen. "Die hierdurch erzeugte Publizität dürfte in der Praxis zu einem erheblichen Druck von der Kapitalmarktseite her führen, den Kodex zu beachten".

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