Großvereine könnten Zentralvermarktung kippen
TV-Einnahmen des DFB nicht abgesichert

Der DFB und die Liga stehen vor einem Dilemma: Soll der aktuelle TV-Vertrag der finanziellen Notlage bei Kirch angepasst werden? Insider wundern sich, dass die Einnahmen nicht abgesichert sind. Große Klubs könnten die Chance nutzen, die Zentralvermarktung zu kippen.

Eigentlich sollte das Treffen des Aufsichtsrats der Deutschen Fußball-Liga (DFL) am Donnerstag in Frankfurt reine Routine werden. Doch nachdem der neue Premiere-Chef Georg Kofler ankündigt hatte, der Liga weniger TV-Gelder zahlen zu wollen, war es vorbei mit der Ruhe. Und auch mit der viel beschworenen Einheit der 36 Erst- und Zweitligisten.

Die Mehrzahl der kleineren Vereine sitze "wie ein Trottel da und weiß nicht, was passiert", polterte Rolf Rüssmann. "Wir sind nicht bereit, auf einen Pfennig zu verzichten". Stuttgarts Manager spielte damit auf das vorauseilende Verständnis der Vertreter großer Vereine an, etwa Leverkusens Reiner Calmund und Dortmunds Michael Meier. Letzterer sah bereits eine "moralische Verpflichtung" der Profis, auf einen Teil ihrer Gehälter zu verzichten, sollten die TV-Gelder reduziert werden. Genau dies möchte Kofler erreichen, um so den Mittelabfluss aus der klammen Kirch-Gruppe zu verringern. Denn die besitzt die TV-Rechte bis zur Saison 2003/2004.

"Warum erschwert man die eigene Verhandlungsposition, indem man öffentlich ein Einlenken suggeriert?" fragt sich nicht nur Ernst Thomann. Der Geschäftsführer der Fußballprofi-Gewerkschaft VdV sieht denn auch "strategische Gründe" der Großvereine. Die wollten die Schieflage von Kirch nutzen, um die Zentralvermarktung der Liga aufzugeben und die TV-Rechte selbst zu vermarkten. BVB-Präsident Gerd Niebaum gilt als Anhänger der Selbstvermarktung, will sich aber zum derzeitigen Zeitpunkt nicht an der Diskussion beteiligen. Generell profitieren von einer Einzelvermarktung Klubs mit großem Fanpotenzial, kleinere Vereine würden viel weniger Einnahmen erhalten.

Bisher wird das nationale TV-Geld wie folgt verteilt: 80 Prozent gehen an die erste Liga, in diesem Jahr 286,32 Millionen Euro. Das Geld wird in drei Töpfe a 95,14 Millionen aufgeteilt. Ein Fixum von 5,3 Millionen geht an jeden Klub. Das zweite Drittel richtet sich nach den Platzierungen der vergangenen drei Jahre, das dritte Drittel nach dem aktuellen Abschneiden. Mit anderen Worten: die etablierten Vereine erhalten schon jetzt mehr als etwa die Aufsteiger - zum Teil doppelt so viel. Und bei ihnen kommen meist noch Gelder aus internationalen Wettbewerben hinzu. Vor allem deshalb - und auf Grund der hohen Zuschauer- und Marketingeinnahmen - können Vereine wie München, Dortmund oder Leverkusen reduzierte Kirch-Zahlungen gelassener hinnehmen als andere Klubs. Die Bundesligisten erhalten im Durchschnitt rund 15 Millionen Euro in dieser Spielzeit, die Zweitligisten knapp vier Millionen.

Der Druck der Großen in Richtung Selbstvermarktung könnte jetzt wieder zunehmen. Denn ihre Verhandlungsposition hat sich auf Grund eines Fehlers des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) stark verbessert: Als der DFB den Vertrag mit Kirchs Vermarkter ISPR aushandelte, übersah er Entscheidendes: "Es gibt keine Bankbürgschaft der Kirch-Gruppe für die Zahlungen an die Liga", sagte Ingo Süßmilch, Analyst bei der WGZ-Bank, dem Handelsblatt. Gäbe es diese, so bräuchten sich die Klubs keine Sorgen um Nachverhandlungen oder eine eventuelle Kirch-Pleite zu machen.

Andere Branchenkenner bewerten ein solches Geschäftsgebaren der Frankfurter Fußballoberen als "unverständlich", "ungewöhnlich" oder "nicht nachvollziehbar". Und anscheinend sehe DFL-Generalsektretär "Wilfried Straub das mittlerweile auch so". Offenbar säßen im Verband Leute, die mit solchen Zahlen nicht umgehen könnten. Michael Meeske, Sprecher der Vermarktungsagentur Sportwelt, zeigte sich "sehr erstaunt, dass der DFB die Summen nicht abgesichert hat, schließlich besteht er bei Sponsoreneinnahmen unserer Vereine immer auf einer Bankbürgschaft." Ein anderer Brancheninsider haut in die gleiche Kerbe: Als seine Agentur Spiele vermarktete, habe der "DFB mit Hinweis auf seine Hauspolitik immer auf einer Bankbürgschaft beharrt - da ging es nur um kleine Millionenbeträge". Zudem rühmt sich der Verband oft ob seiner strengen Klub-Lizenzierungsauflagen, die im europäischen Vergleich vorbildlich wären.

Verantwortliche der DFL waren am Donnerstag nicht zu erreichen. "Alle die etwas sagen dürfen, sind in der Aufsichtsratssitzung", hieß es. Angeblich sollte dort ein Geheimplan zur TV-Zukunft der Liga vorgestellt werden, wie der "Kicker" wissen wollte. Demnach wolle die Bundesliga die Rechte in Zukunft nicht mehr an einen Zwischenhändler, sondern direkt an die Sender verkaufen. Angedacht sei auch eigener TV-Kanal. Diese Überlegung existiert seit langem und soll nun in die Tat umgesetzt werden. Manager wie Dieter Hoeneß von Hertha BSC sehen das skeptisch, die Pläne seien zu unausgegoren. Zudem müsse die DFL einen Geldgeber finden. Rund 30 Millionen Euro betragen die reinen Produktionskosten für die Liga pro Jahr. Plus mindestens 20 Millionen für die technische Infrastuktur.

So oder so, Analyst Süßmilch schraubt seine Schätzung für einen neuen Vertrag ab 2004 nur leicht auf rund 350 Millionen Euro pro Saison zurück. An der "momentanen Schwarzmalerei" beteiligt er sich nicht. Schließlich habe es beim neuen Champions-League-Vertrag auch eine Steigerung gegeben.

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