Ground Zero ein Jahr danach
New Yorks Wunden heilen nur langsam

Der Süden Manhattans erholt sich nur langsam vom 11. September. Die Banken sind zurückgekehrt, doch kleine Geschäfte müssen schließen. Noch immer ist unklar, was aus dem Gelände des World Trade Centers werden soll.

HB NEW YORK. Im Schaufenster von Chelsea Jeans ist die Zeit stehen geblieben. In dem Kleidungsladen am Broadway, ein Block vom Gelände des ehemaligen World Trade Centers entfernt, bedeckt noch immer der helle Staub des 11. September die säuberlich gefalteten Levis-Jeans. Auf den Pullovern, die über dem Regal an Bügeln hängen, ist unter den weißlichen Klumpen nur schwer der Schriftzug von Ralph Lauren zu erkennen. "Das ist ein wichtiges Denkmal. Wir haben es mit Absicht genau so gelassen, wie es nach dem Einsturz der beiden Türme aussah", sagt der Ladenbesitzer David Cohen. Für sein Geschäft bringt das leider wenig: "Wir machen hier nur Verluste", beklagt sich Cohen. Wenn er ein Museum findet, das sein Schaufenster nimmt, macht er zu.

Überall in Downtown weisen Schilder "For Rent" auf leere Läden hin. Viele Banken und Unternehmen sind zurückgezogen in die Südspitze Manhattans. Aber es fehlen die Tausende von Mitarbeitern, die im World Trade Center gearbeitet haben, in der Stadt gibt es nach offiziellen Angaben 83 000 Arbeitsplätze weniger. Die kleinen Läden können sich nicht mehr halten.

Auf 83 bis 95 Mrd. $ werden allein die finanziellen Schäden für die Stadt New York beziffert, 1,7 Mill. Quadratmeter erstklassiger Büroraum fehlen - wie hoch die gesamten wirtschaftlichen Folgen sind, wagt niemand zu schätzen. Die meisten Banken sind trotz der Sorgen um Asbest-Vergiftungen nach langen Säuberungsarbeiten inzwischen nach Downtown zurückgekehrt. Insgesamt arbeiten hier wieder 200 000 Menschen. Die Liste der Zurückgekehrten ist lang: Merrill Lynch ist mit 6 000 Mitarbeitern und American Express mit 3 500 zurück in ihre Zentralen im World Financial Center gezogen - direkt gegenüber dem Loch, das das World Trade Center hinterlassen hat. Die Redaktion des Wall Street Journals ist ebenfalls ins World Financial Center zurückgekehrt, aber in kleiner Besetzung. Die Mitarbeiter der Technologie-Zentrale der Bank of New York konnten im Juli in ihr Gebäude auf der Barclay Street im Norden von Ground Zero zurückkehren. Die Bank hat ihren Hauptsitz auf der Wall Street und konnte dort wenige Tage nach den Anschlägen weiterarbeiten.

Jedes fünfte Stockwerk in Downtown steht leer


Nach Angaben der Immobilien-Agentur TenantWise.com steht aber jedes fünfte Stockwerk in Downtown weiterhin leer. Obwohl nur wenige Banken im Ausweichquartier im Nachbarstaat New Jersey geblieben sind, ziehen viele Midtown vor. So ist die britische Standard Chartered Bank, die ihren Sitz im World Trade Center verloren hat, mit ihren 400 Mitarbeitern nach Midtown Manhattan zurückgekommen. Die Investmentbank Lehman Brothers hat sich entschieden, nicht zurückzukehren, sondern in ihrem Stamm-Gebäude in Midtown zu bleiben. Und auch die Versicherung Aon, die 200 Mitarbeiter verloren hat, wird nur mit wenigen Mitarbeitern nach Downtown gehen. Die Versicherung will ihren Mitarbeitern nicht zumuten, immer wieder mit dem Ort konfrontiert zu werden und konzentriert ihre 800 Angestellten ebenfalls in Midtown. Die Dresdner Kleinwort Wasserstein wird ihr Büro auf der Wall Street schließen und mit dem in Midtown zusammenlegen.

Ein kleiner Lichtblick: Die Wohnungen haben sich erstaunlich schnell wieder gefüllt: War das Bild in der Nähe des ehemaligen World Trade Centers in den ersten Monaten vor allem von flüchtenden Anwohnern in Umzugswagen geprägt, stehen heute - dank niedriger Mieten und staatlicher Zuschüsse für Downtown-Mieter - weniger als 5% der Wohnungen leer. Und während die Touristen noch immer leicht benommen an den Fotos, Teddybären und Origami-Kranichen an der St. Paul?s Chapel am Ground Zero entlangschleichen, gehen die Banker wie selbstverständlich an den Ständen vorbei, auf denen Laptops immer wieder die DVD mit den Schreckensszenen des 11. September abspielen. Ihr Weg zur U-Bahn ist zwar wegen der Bauarbeiten etwas länger geworden, aber sie haben sich an die traurige Aussicht gewöhnt. Und auch im Century-21-Kaufhaus, in dem Markenware auf vier Etagen zu Outlet-Preisen angeboten wird, drängeln sich nach Dienstschluss Büroangestellte neben Touristen.

Streit um Konzepte für Ground Zero


Was aus dem Gelände hinter der grünen Abzäunung werden soll, ist noch immer unklar. Mitte August hat die Kommission, die für den Wiederaufbau zuständig ist, die sechs Vorschläge wieder verworfen, die sie erst einen Monat zuvor vorgestellt hatte. Die Pläne waren vom Bürgermeister Michael Bloomberg, von New Yorkern und von Architekten als einfallslos kritisiert worden. Nun sollen Firmen aus aller Welt ihre Pläne vorlegen, unter denen die Kommission fünf auswählen will.

Bei der ersten Ausschreibung hatten die Hafen-Aufsichtsbehörde von New York und New Jersey, der das Gelände gehört, und der Immobilienunternehmer Larry Silverstein, dem das Gebäude gehört, darauf bestanden, dass die neuen Pläne genauso viel Bürofläche und Ladenlokale vorsehen, wie zerstört wurden: mehr als eine Million Quadratmeter für Büros und fast 70 000 Quadratmeter für Geschäfte. In der neuen Runde werden die Bewerber etwas mehr Freiheit haben.

Sosehr die New Yorker nach vorne schauen, die Vergangenheit ist präsent. Selbst beim Starbucks: Während die Verkäuferin einen Cafe Latte bereitet, erzählt sie von den Kindern, die sie in ihrer Freizeit betreut. Sie haben ihre Eltern an dem Tag verloren und erleben in ihren Träumen den 11. September immer wieder neu. Auch für sie ist die Zeit zumindest nachts noch stehen geblieben.

Katharina Kort
Katharina Kort
Handelsblatt / Korrespondentin
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