Gründer und Mehrheitsaktionär der spanischen Inditex
Amancio Ortega: Der alte Mann mit dem Gespür für junge Mode

Er hat als Textilverkäufer angefangen. Heute ist er Inhaber des drittgrößten Modekonzerns der Welt. Amancio Ortega gilt als einer der reichsten Männer Spaniens. Am Mittwoch wird sein Unternehmen Inditex zum ersten Mal an der Börse in Madrid notiert.

Wer kann es sich leisten, sein Unternehmen vor dem Börsengang nicht der Öffentlichkeit vorzustellen? Amancio Ortega, Mehrheitsaktionär der Inditex S.A., kann es offenbar. Der Gründer von Spaniens größtem Modeunternehmen hat es auch vor der Erstnotierung morgen an der Madrider Börse nicht für erforderlich gehalten, seine Gewohnheiten zu ändern.

Der Spanier liebt die Anonymität. In der Öffentlichkeit lässt er sich selten blicken, Interviews hat er noch nie gegeben, und jahrelang wusste kaum jemand, wie der heute 65-Jährige überhaupt aussieht. Vor drei Jahren ließ er erstmals ein Bild von sich verbreiten, im Geschäftsbericht des Unternehmens. Mittlerweile haben die spanischen Zeitungen sogar die Wahl zwischen zwei Fotos. Das eine zeigt einen lachenden und das andere einen ernst blickenden Präsidenten, der offensichtlich legere Kleidung bevorzugt.

Die Anleger indes scheint seine Zurückhaltung nicht zu stören: Die Nachfrage nach Inditex-Aktien ist mehr als 15fach überzeichnet. Vielleicht liegt es auch daran, dass sich Ortega mit internationalen Investoren getroffen hat. Zu diesem Zugeständnis soll er bereit gewesen sein, wenn dies die Investoren ausdrücklich gewünscht haben. Aber den Rest der Überzeugungsarbeit musste Vorstandschef José María Castellano leisten.

Analysten zollen Inditex Anerkennung

Offensichtlich mit Erfolg. Die Analysten zollen dem Unternehmen, das seinen Sitz in Arteixo nahe der galizischen Hafenstadt La Coruña hat, Anerkennung. Ortega hat, insbesondere mit der Modemarke Zara, ein Imperium geschaffen, zu dem 1080 Geschäfte in 33 Ländern gehören. In Deutschland ist Zara mit sechs Läden vertreten. Weltweit arbeiten 24000 Beschäftigte für den Konzern. Nach dem US-Jeans-Ausstatter Gap und Hennes & Mauritz (H&M) aus Schweden ist Inditex der drittgrößte Modekonzern der Welt.

Zara trägt den Löwenanteil zu Umsatz und Gewinn bei - mit stets aktueller Mode, in akzeptabler Qualität und zu erschwinglichen Preisen. Neue Trends bringt Zara in nur vier Wochen in die Läden, während die Konkurrenz Monate braucht. Die Marken Massimo Dutti, Pull & Bear, Bershka und Stradivarius sind weniger bekannt.

Der Name Inditex ist nur Insidern ein Begriff. Nur nicht zu viel preisgeben, lautet die Philosophie. Das gilt für Unternehmen und Firmeninhaber gleichermaßen. Leibhaftig tritt Ortega nur vor seine Familie, seine Freunde und seine Angestellten. Die können ihn in der Kantine der Konzernzentrale erleben. "Häufig", so berichtet Inditex-Mitarbeiterin María Jesús García, "isst er dort zu Mittag".

Ortega ist reich und bescheiden

Er gilt nicht nur als einer der bescheidensten Männer Spaniens, sondern auch als einer der reichsten. Das Wirtschaftsmagazin Actualidad Económica will wissen, dass Ortega dank des Verkaufs von 26,09% der Firmenanteile zum vermögendsten Mann an der spanischen Börse aufsteigen wird. Der Wert seines 61,22%-Anteils an Inditex wird auf 5,4 Milliarden Euro beziffert.

Wo Informationen fehlen, blühen die Gerüchte. Ortega wolle trotz seines Erfolgs weiterhin mit seinen Freunden unerkannt und ungestört in der Heimat essen gehen, heißt eines. Unsinn, behauptet die Presseabteilung in Arteixo. Er soll eine Yacht haben. Ebenfalls Unsinn. Bestätigt wird nur, dass er ein eigenes Flugzeug besitzt, das er allerdings vorwiegend für geschäftliche Zwecke nutzt. Ansonsten widmet sich Ortega, der als harter Arbeiter beschrieben wird, ganz der Mode.

Das war fast immer so. Seine Karriere begann er mit 14 als Laufbursche eines Hemdengeschäfts in La Coruña. Später stieg er zum Verkäufer eines Kurzwarengeschäfts auf. In den 60er- Jahren, Ortega war 26, eröffnete er einen Dessousladen. Zwölf Jahre später, 1975, verbündete er sich mit einem Damenmodehersteller und eröffnete kurz darauf das erste Zara-Geschäft in La Coruña. Der Erfolg kam aber erst später, als er die Modefirma ganz übernahm.

Spanische Zeitungen bezeichnen die Firmengeschichte als "Phänomen", das seinen alleinigen Ursprung in einer Person hat: in Armancio Ortega, dem Sohn eines Bahnangestellten und einer Hausfrau. Seine drei Kinder haben allerdings kein Interesse, ihm zu folgen. So wird morgen mit dem Börsengang die nächste Epoche bei Inditex eingeleitet.

Silke Kersting
Silke Kersting
Handelsblatt / Korrespondentin
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