Grüne fordern Entfernung verdächtiger Wurst aus Geschäften
Dritter BSE-Fall in Deutschland bestätigt

In Deutschland ist ein dritter Fall der Rinderseuche BSE nachgewiesen worden und ein weiterer Verdachtsfall aufgetaucht. Der Landrat im oberpfälzischen Cham in Bayern, Theo Zellner, sagte am Mittwoch, der BSE-Verdacht bei einem in Furth im Wald geschlachteten Rind habe sich in einer Kontrolluntersuchung bestätigt.

Reuters MÜNCHEN/CHAM. Dem Münchner Gesundheitsministerium wurde nach eigenen Angaben ein Tier aus Oberbayern gemeldet, bei dem BSE möglicherweise ausgebrochen war. Dies wäre der erste Fall in Deutschland. In Niedersachen stellten die Behörden in Futterproben Reste von verbotenem Tiermehl fest. Bundesgesundheitsministerin Andrea Fischer (Grüne) sagte, es gebe keinen Anlass, den Verkauf bestimmter Wurst- und Fleischwaren zu stoppen.

Der BSE-Verdacht bei dem Rind aus der Oberpfalz war am Wochenende aufgekommen. Das Rind stamme aus einem Familienbetrieb, der als Vorzeigebauernhof gelte, sagte Zellner. Die Untersuchung einer Kontrollprobe an der Tübinger Bundesforschungsanstalt für Viruskrankheiten habe ein positives Ergebnis und damit den Beleg für die Infektion ergeben. Möglicherweise sei das Tier über das Industriefutter infiziert worden. Den Familienbetrieb in Stamsried treffe keine Schuld. Der Landwirt verhalte sich seit Jahren vorbildlich und nehme am Kontrollprogramm "Offene Stalltür" teil. Alle 200 Rinder des Hofes sollen nach Weihnachten notgeschlachtet werden.

Positiver Gehirnbefund

Beim neuesten Verdachtsfall in Oberbayern handelte es sich nach Angaben des Ministeriums in München um ein sechseinhalb Jahre altes Rind aus dem Landkreis Weilheim-Schongau. Bei ihm sei ein positiver Gehirnbefund festgestellt worden. Das Tier sei am Anfang November "wegen zentralnervöser Störungen krank geschlachtet worden". Den BSE-Verdacht habe die zuständige Behörde am Dienstag gemeldet. Die Herde des Tieres sei gesperrt worden. Bislang hat es in Deutschland nur BSE-Fälle gegeben, in denen die Tiere infiziert, nicht aber erkrankt waren.

Der Argarexperte der SPD-Fraktion im bayrischen Landtag, Gustav Starzmann, kritisierte die lange Zeit bis zur Bekanntgabe der Information. Es stelle sich die Frage, ob der BSE-Verdachtsfall zunächst vertuscht werden sollte.

Am Sonntag war die BSE-Infektion einer Kuh aus Sulzberg im Allgäu und damit der zweite BSE-Fall in Deutschland bekannt geworden. Den ersten gab es im November in Schleswig-Holstein. Der betroffene Tierbestand soll nach Angaben des bayrischen Gesundheitsministeriums ebenfalls komplett geschlachtet werden. Es wird zudem noch das Ergebnis der Gegenprobe für ein ebenfalls BSE-verdächtiges Rind aus dem oberpfälzischen Neumarkt erwartet.

Der bayrische Landwirtschaftsminister Josef Miller (CSU) kündigte eine weitere Verschärfung der Futtermittelkontrollen in Bayern an. Alle 17 Probenehmer seien nun ausschließlich mit der Überprüfung von Tierfutter beschäftigt. Tiermehl, das als Überträger der Rinderseuche BSE gilt, darf seit Anfang Dezember nicht mehr in Tierfutter verwendet werden. In Niedersachsen wurde nach Angaben der Bezirksregierung in Oldenburg bei mehreren Futtermittelproben Tiermehl in geringen Mengen nachgewiesen. Auf Grund der geringen Mengen des festgestellten Tiermehls liege die Ursache vermutlich in verunreinigten Produktionsanlagen.

Importstopp für deutsches Rindfleisch

Fischer sagte, in Deutschland würden keine Materialien mit einem erhöhten BSE-Risiko zu Wurst verarbeitet. Sie selbst habe den Verbrauchern nicht geraten, auf den Kauf von Wurst zu verzichten, sondern lediglich erklärt, sie kaufe keine Wurst, weil sie wenig Fleisch esse. Den von Österreich bei der EU beantragten Importstopp für deutsches Rindfleisch kritisierte Fischer. Sie gehe davon aus, dass die EU-Kommission dem nicht zuzustimme. Bundesforschungsministerin Edelgard Bulmahn (SPD) kündigte verstärkte Anstrengungen bei der Erforschung von BSE an. Es seien bessere Tests vonnöten, um am lebenden Menschen die Creutzfeld-Jakob-Krankheit und am lebenden Tier BSE feststellen zu können.

Nach Ansicht von Forschern wird die neue Variante der Creutzfeld-Jakob-Erkrankung beim Menschen durch BSE ausgelöst. Verbraucherschützer kritisierten die Informationspolitik der Bundesregierung. Es sei zu viel verschleiert worden, sagte der Vorstand des Verbraucherschutz-Vereins, Friedrich Bultmann. Man müsse ohne Rücksicht auf die volkswirtschaftlichen Folgen aufklären: "Was der Gesundheit dient, muss an höchster Stelle stehen." Beim Kauf von Rindfleisch sei äußerste Zurückhaltung geboten. Ein Sprecher des Berliner Verbraucherzentrale sagte, in den letzten Jahren sei die Lebensmittelkontrolle zurückgefahren worden. Das habe auch zu dem Problem beigetragen.

Grünen-Fraktionschefin Kerstin Müller sagte der "Bild"-Zeitung mit Blick auf das Landwirtschaftsministerium, "langfristig wäre ein Ministerium für Verbraucherschutz sinnvoller als eine Landwirte-Lobby mit Kabinettsrang".

Grüne fordern Entfernung verdächtiger Wurst

dpa BERLIN. Die Grünen-Bundestagsfraktion hat an Handel und Lebensmittelhersteller appelliert, wegen der BSE-Krise verdächtige Wurst-Produkte mit unklarem Inhalt aus Regalen und Tiefkühlschränken zu entfernen. Hersteller, Geschäfte und Fleischerhandwerk sollten umgehend ihre Lagerbestände an haltbarer Wurst mit Rindfleischanteil auf die Verarbeitung von Risikomaterialien hin selber kontrollieren. Das erklärte die agrarpolitische Sprecherin der Grünen-Fraktion, Ulrike Höfken, am Mittwoch in Berlin. Für die Verbrauchersicherheit müssten alle Vorsorgemaßnahmen getroffen werden. Deutschland müsse auf eine EU-einheitliche Lösung für Fleisch-Etikettierung drängen.

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