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Grüne Kandidaten, leicht entsättigt

Von KARL DOEMENS Zugegeben: Es gibt lustigere Freizeitbeschäftigungen als das Surfen durch die Wahlkampfauftritte der Parteien im Internet.

Von KARL DOEMENS

Zugegeben: Es gibt lustigere Freizeitbeschäftigungen als das Surfen durch die Wahlkampfauftritte der Parteien im Internet. Wer möchte schon wissen, weshalb der Konzertmanager Jim Rakete die SPD unterstützt ("weil sie eine modellhafte Kulturpolitik macht")? Die CDU-Schlagzeile "Wir versprechen nur das, was wir auch umsetzen können" stellt ebenfalls keine sonderlich spannende Lektüre in Aussicht. Immerhin kann man bei der FDP zehn Mini-Fläschchen Sonnenmilch mit Steuerschutzfaktor 15 ("Nur nicht Rot werden") bestellen. Aber 9,90 Euro für ein bißchen liberale Salbe ist ein stolzer Preis, und außerdem sollen in den nächsten Tagen schwarze Wolken die Sonne verdecken, sagt der aktuelle Wetterbericht.
Zum Glück sind wenigstens die Grünen auch nach sieben Jahren Regierungsbeteiligung noch ein bißchen anders geblieben. Basisdemokratisch und offen, wie die Ökopartei schon immer war, bietet sie den Besuchern ihrer Homepage einen wirklich interessanten Blick hinter die politischen Kulissen. Man muss auf "www.gruene-partei.de" nur das "Kandidaten"-Feld anklicken. Schon wird man keineswegs mit langweiligen Namen und Lebensläufen belästigt, sondern erhält Zugang zu den hochbrisanten "Rahmeninfos für Kandidatenshooting". Wer die kostenlosen Tipps beherzigt, der kann auf seinen selbstgemachten Bewerbungsfotos demnächst so seriös aussehen wie der Bundesaußenminister. Und vielleicht sitzt er schon bald wie der Kreuzberger Ex-Sponti Ströbele im Bundestag.
"Möglichst close und pur vor einem neutralen Hintergrund" sollten sich die Kandidaten ablichten lassen, empfiehlt die Parteispitze. Keinesfalls dürfe der Hintergrund "fototapetenhaft" wirken. Ein wichtiger Hinweis ebenso wie die Erinnerung, dass der "Bildlook" die Kompetenz und individuelle Ausstrahlung der Möchtegern-Abgeordneten unterstreichen solle. Helle und freundliche Bekleidung ist da hilfreich. Dazu sollten die Gesichter "fast ehrlich ohne geschönte TV-Spielfilm-mäßige Airbrush-Technik" fotografiert werden, rät der Profi-Kurs aus dem Netz.
Dass die interessante Anleitung zur medialen Selbstdarstellung irrtümlich auf den allgemein zugänglichen Teil der Grünen-Homepage geraten ist, halten Kenner der Partei für äußerst unwahrscheinlich. Sie zweifeln allerdings Gerüchte an, denenzufolge künftig in einer täglichen Foto-Serie der Fortgang von Joschka Fischers politischer Hungerkur bis zum Wahltag dokumentiert werden soll. Dabei hält auch hierfür das Fotobriefing schon die richtige Regieanweisung bereit: "Die Farben sollen leicht entsättigt sein, aber nicht fahl und kühl."

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