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Grüne: Sibyll Klotz will sich durchbeißen

Als nach den Terroranschlägen von New York und Washington SPD-Fraktionschef Peter Struck den Satz "Heute sind wir alle Amerikaner" formulierte, reagierte Sibyll Klotz irritiert.

dpa BERLIN. Wie viele andere Menschen im Osten Deutschlands empfand die Spitzenkandidatin der Grünen im Berliner Wahlkampf zwar große Solidarität mit den Vereinigten Staaten. Eine bedingungslose Identifikation mit den USA oder gar eine besondere emotionale Nähe zu dem früheren Klassenfeind liegt Klotz aber fern.

In diesem Punkt ist der in Ost-Berlin aufgewachsenen Tochter einer Kneipenwirtin und eines Altkommunisten die so genannte "Ostidentität" geblieben. Von großen Brüchen in ihrem politischen Lebenslauf will die 40-jährige studierte Philosophin nicht sprechen. Was kaum wundert, denn ihre Aufgabe ist schwierig genug: Einstmals SED-Mitglied, führt sie heute eine Partei in den Wahlkampf, die so westlich geprägt ist wie kaum eine andere.

Aktiver Widerstand gegen das DDR-System gehörten nicht zum ihrem Lebenslauf. In der Wendezeit verlässt Klotz die SED. 1990 wird sie für einen unabhängigen Frauenverband ins Berliner Abgeordnetenhaus gewählt. Später wechselt die allein erziehende Mutter, die in einer Frauenbeziehung lebt, zu den Grünen und wird Fraktionschefin.

Klotz hat für sich beschlossen, dass sie - anders als sie das bei vielen PDS-Mitgliedern heute beobachtet - mit ihrer DDR-Vergangenheit offensiv umgehen will. "Die Alternative Rückzug kam für mich nie in Frage, ich habe mich entschieden, mich durchzubeißen - und da gab es bittere Situationen, auch bei den Grünen". Dass sie schließlich in der ersten Reihe der Berliner Politik landete, war für Klotz "eher Zufall". Andere - auch in ihrer Partei - sprachen von der "doppelten Quote": Frau und aus dem Osten. Das tun sie heute nicht mehr.

Bei der Spitzenkandidatur für die Hauptstadt setzte sich auch bei den Grünen die Auffassung durch, die Berliner wollten keine Polit- Importe, sondern Kandidaten aus der eigenen Stadt. Claudia Roth - der linke Part im Grünen-Bundesvorstand - übernahm inzwischen die "politische Patenschaft" für Klotz.

Im Umgang mit potenziellen Koalitionspartnern ist Klotz inzwischen pragmatisch. Vor zwei Jahren hatte sie vor der Berlin-Wahl Bündnisse mit der PDS noch strikt abgelehnt. Ob sie lieber mit der PDS oder mit der FDP koalieren würde? "Das werden die Verhandlungen zeigen." Sorgen, dass die Grünen nach zahlreichen Niederlagen bei Wahlen in den Ländern auch in Berlin stark verlieren könnten, lässt Klotz nicht erkennen. 1999 erreichten die Grünen bei der Landeswahl in ihrer einstigen Hochburg 9,9 Prozent der Stimmen. Nach Umfragen pendeln sie derzeit wieder um diesen Wert. Und bis zum Wahltag wird Sibyll Klotz dafür kämpfen, dass ihre Partei auch nach dem 21. Oktober in der Berliner Landesregierung weiter mitbestimmen kann.

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