Grünen-Parteitag wählt neuen Parteivorsitz
Portrait: Grünen-Chefin Claudia Roth

afp STUTTGART. Wenn sich Claudia Roth richtig in Rage redet, gibt es kein Halten mehr. Die helle Stimme kippelt und wankt. Tränen treten ihr in die Augen. Jeden Moment droht der Eklat. Ob es um die Menschenrechte in der Türkei geht oder um den Einsatz deutscher Soldaten im Kosovo - Betroffenheit ist für die Grünen-Politikerin nicht nur ein Wort. Doch wer die gelernte Dramaturgin deshalb für ein rührseliges Sensibelchen hält, ist schief gewickelt. "Eine starke und erfahrene Frau" sei die 45-Jährige, so die bisherige Parteivorsitzende Renate Künast, in deren Fußstapfen Roth ab Freitag treten soll. Wie viel die Partei ihr zutraut, zeigte sich schon bei ihrer Nominierung für die Grünen-Spitze: Auch zahlreiche Vertreter des Realo-Flügels der Partei unterstützten die Kandidatur der zum linken Flügel zählenden Bundestagsabgeordneten Roth.

Auch Fraktionschef Rezzo Schlauch war schon im Vorfeld der Wahl voll des Lobes. Roth bringe alles mit, was eine Parteivorsitzende haben müsse, meinte Schlauch: Durchschlagskraft, Kompetenz, Teamfähigkeit und sympathisches Auftreten. Solche Vorschusslorbeeren hat sich die 45-jährige Augsburgerin mit viel Vehemenz und einem Idealismus verdient, der sich nicht in forschen Reden erschöpft. Als Roth 1995 mit anderen weiblichen Europaabgeordneten bei einem Besuch in der Türkei von dem damaligen Staatsminister Ayvaz Gökdemir unflätig beschimpft wurde, strengte sie anschließend eine Verleumdungsklage gegen den Staatsmann an. Sie bekam Recht und überwies danach das gesamte Schmerzensgeld an Frauenorganisationen in der Türkei.

Ehemalige Jungdemokratin wurde 1985 Pressesprecherin

Die ehemalige Jungdemokratin Roth kam Anfang der 80-er Jahre über Wahlkampftourneen in Kontakt mit den Grünen, die sie 1985 zur Pressesprecherin der Bundestagsfraktion machten. Bereits vier Jahre später saß die Quereinsteigerin im Europaparlament, wo sie der Grünen-Fraktion vorstand. Erst 1998 kehrte die "leidenschaftliche Europäerin", wie sie sich selbst nennt, nach Deutschland zurück, um ein Mandat im Bundestag zu übernehmen. Dort leitete sie seither den neu gegründeten Ausschuss für Menschenrechte und war außerdem Mitglied im Ausschuss für Angelegenheiten der Europäischen Union.

Demokratie und Bürgerrechte, Asylrechte und Flüchtlingspolitik sind die Themen, die Roth am Herzen liegen. Mochten die Linksorientierten bei den Grünen noch so sehr an Boden verlieren, Roth blieb sich stets selbst treu. Als Joschka Fischer im Frühjahr 1999 den Kosovo-Einsatz der Bundeswehr mit wohlbedachten Worten verteidigte, war die erklärte Kriegsgegnerin eine von sieben Grünen-Abgeordneten, die sich gegen den eigenen Außenminister stellten. Die Kandidatur der unbeirrten Parteilinken verstanden manche daher auch als Kampfansage der ehemaligen Fundis an den Realpolitiker Fischer. Ko-Grünen-Chef und Fischer-Weggefährte Fritz Kuhn bemühte sich daher in den vergangenen Wochen, Befürchtungen zu zerstreuen, in der Partei könnten unter Roth alte Flügelkämpfe wieder aufbrechen.

Roth selbst steckte ihr Zielfeld schon klar ab. "Es geht darum, deutlich zu machen, dass unsere alten Werte unglaublich modern sind", sagte sie. Die Partei müsse nach außen zeigen, "was grün ist an den Grünen". Und dafür werde sie "mit aller Kraft und mit aller Leidenschaft, mit allem Herzblut" kämpfen.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%