Grüner nutzte seine einzige Chance, wieder in den Bundestag einzuziehen
Christian Ströbele: Eine grüne Legende

Ausgerechnet der "Abweichler" Ströbele gewinnt als erster Grüner ein Bundestags-Direktmandat.

BERLIN. Es war der Stoff, aus dem grüne Legenden gestrickt sind: Kurz nach 23 Uhr brandete am Sonntagabend bei der Grünen-Wahlparty im Berliner Tempodrom frenetischer Beifall auf. Von Kameras umringt schleppt sich ein älterer Mann durch den Saal bis auf die Bühne. Dort wartet er erst minutenlange Ovationen ab, bis er mit heisere Stimme "Darf ich?" sagt. Und dann lässt sich Christian Ströbele als erster Grüner-Gewinner eines Direktmandats für den Bundestag erneut gehörig feiern.

Kein Wunder. Den Beifall genoss er nicht nur, weil er zwei Tage zuvor im Wahlkampf von einem Rechtsradikalen einen Schlag auf den Kopf erhalten und deshalb den Wahltag im Bett zugebracht hatte. Es gehört zu den vielen irrwitzigen Drehungen der Politik, dass mit dem 63jährigen Rechtsanwalt aus Berlin-Kreuzberg ausgerechnet ein Politiker Parteigeschichte schreibt, der von den Grünen wegen seiner Opposition gegen eine deutsche Kriegsbeteiligung in Afghanistan eigentlich hatte abgestraft werden sollen.

Deshalb war er auf der Berliner Landesliste hinter dem früherne DDR-Bürgerrechtler Werner Schulz nur auf einem aussichtslosen Platz gelandet. Und deshalb war der Gewinn des Direktmandates im Wahlbezirk Kreuzberg-Friedrichshain seine einzige Chance, überhaupt wieder in den Bundestag einzuziehen. Gerechnet hatte mit einem Sieg gegen den SPD-Konkurrenten und die PDS-Bewerberin niemand. Gerade deshalb war der Jubel über den Erfolg und die erzielten 31,6 Prozent der Stimmen um so größer. Endlich hatten die Grünen auch in einem ehemals ostdeutschen Wahlbezirk die Nase vorne.

Ströbele gab am Abend aber auch eine Kostprobe davon, was jedem neuen Chef der Grünen-Bundestagsfraktion angesichts der knappen Mehrheitsverhältnisse in dieser Legislatuperiode bevorsteht. Denn das erste, was er verkündete, war ein troziges "Ich werde wie bisher ein schwieriger Partner sein". Und zum Jubel der Grünen-Basis bekräftigte Ströbele sein grundsätzliches Nein zu "Krieg und Korruption". Das hätte die Realos aufhorchen lassen müssen. Doch weil die Grünen an diesem Abend gerne feiern wollten und sie im Politgeschäft inzwischen mächtig gerlernt haben, störte dies seine Kollegen nicht.

Als ob es die Anfeindungen nach der Afghanistan-Debatte nie gegeben hätte, drängten sich Grünen-Politiker wie Volker Beck und Fraktionschefin Kerstin Müller geradezu danach, lächelnd neben der neuen Legende Ströbele auf die Bühne zu stehen. Und während Parteichefin Claudia Roth noch über die blassen Gesichtszüge des Alt-Linken palaverte, konnte sein einstiger Kontrahent Schulz vor Rührung nur mit Mühe die Tränen zurückhalten. Erfolg macht eben beliebt - auch bei den Grünen.

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