Günstige Standortbedingungen locken die Solarindustrie in den Freistaat
Solar Valley Thüringen

Die riesige Solaranlage am Gebäude der PV Chrystalox AG Erfurt wirkt wie ein Sonnenschirm: Mehr als 15 000 Solarzellen produzieren hier nicht nur bis zu 30 Kilowatt Strom, der ins Netz der Stadtwerke Erfurt eingespeist wird. Der Solarschirm verhindert auch, dass sich die Büroräume bei Sonnenschein aufheizen. Die Anlage ist ein Thüringer Gemeinschaftsprodukt: Chrystalox selbst stellte die Siliziumscheiben, aus denen die benachbarte Ersol Solar Energy AG die Solarzellen fertigte. Die Systemtechnik stammt aus Sömmerda. Nur die Module haben die Thüringer noch in Sachsen fertigen lassen.

"Es gibt in keinem anderen Bundesland eine solche Dichte von Solarunternehmen wie in Thüringen", meint Chrystalox-Vorstand Hubert A. Aulich, der bereits von einem "Solar Valley" spricht. Mit der ASi Intertechnology GmbH hat sich gerade erst ein Konkurrent in Rudisleben angesiedelt, der wie Chrystalox Silizium-Scheiben als Ausgangsprodukt für die Solarzellen-Herstellung fertigt. In den mittelständischen Unternehmen wie Sesol, FEG, GSS und Goldbeck Solar sind inzwischen etwa 400 Mitarbeiter beschäftigt.

Und die Wachstumsaussichten sind gut: Chrystalox, das Aulich als "weltweit größten Hersteller von Siliziumscheiben und Blöcken" bezeichnet, will den Umsatz in diesem Jahr an seinen beiden Standorten in Erfurt und in England auf knapp 60 Mill. Euro verdoppeln und plant schon wieder die nächste Kapazitäts-Erweiterung. Ersol will seinen Umsatz sogar erneut auf 20 Mill. Euro verdreifachen. "Unsere Produktionsanlagen sind auf Jahre hinaus ausgelastet", freut sich Ersol-Vorstand Claus Beneking. Mit dem nach eigenen Angaben weltweit führenden Wirkungsgrad von 15 Prozent und günstigen Produktionskosten kann Ersol auch mit der starken japanischen Konkurrenz mithalten.

So plant das Unternehmen neben den beiden bestehenden Produktionslinien mit insgesamt 9 MW Fertigungskapazität bereits eine weitere Linie mit 25 MW, deren erster Abschnitt im kommenden Sommer den Betrieb aufnehmen soll. Dort wird dann schon das größere, effektivere Format von 150 mal 150 Millimetern gefertigt.

Ab 2004 will Ersol auch eine eigene Modulfertigung aufbauen. Um die Kosten der Photovoltaik weiter senken zu können, arbeiten Chrystalox und Ersol derzeit an hauchdünnen Siliziumscheiben, die weniger Materialeinsatz erfordern und zudem höhere Wirkungsgrade bis zu 18 Prozent erreichen. "Wir haben schon Siliziumscheiben gesägt, die mit 0,15 Millimetern nur noch halb so dünn wie bisher sind", berichtet Aulich. "Jetzt arbeiten wir mit den Kollegen von Ersol daran, dass sie die Scheiben auch weiterverarbeiten können." Schließlich muss das empfindliche Material beim Ätzen, Beschichten und Bedrucken einiges aushalten, bevor aus ihm eine Solarzelle wird.

Um die Entwicklung voranzutreiben, versuchen die Erfurter Unternehmen derzeit, eine Forschungs-Kooperation mit dem Fraunhofer Institut für Solare Energiesysteme in Freiburg aufzubauen. Für die nötigen Labors und Geräte hat der Freistaat Thüringen bereits gesorgt. Photovoltaik-Forschungen gibt es aber auch an den Hochschulen des Landes: So arbeitet Chrystalox mit der Technischen Hochschule Ilmenau zusammen. Am Institut für Physikalische Hochtechnologie in Jena wird an Dünnschicht-Solarzellen aus laser-kristallisiertem Silizium geforscht, und an der Friedrich-Schiller-Universität Jena laufen Arbeiten über Dünnschicht-Solarzellen auf der Basis von Kupfer, Indium und Diselenid (CIS).

Hinzu kommen ausgezeichnete Standort-Bedingungen: Die kleinen und mittleren Unternehmen erhalten die ostdeutschen Investitionszulagen von bis zu 50 Prozent und können am früheren Mikroelektronik-Standort Erfurt auf ein qualifiziertes Facharbeiter-Potenzial zurückgreifen. Die Staatsregierung hat das Potenzial der aufstrebenden Branche offenbar erkannt und fördert sie nach Kräften: Als der Bundesrat im Juni darüber zu entscheiden hatte, ob die Obergrenze der Photovoltaik-Vergütung im Erneuerbare-Energien-Gesetz von 350 MW auf 1000 MW ausgeweitet wird, stellte sich CDU-Ministerpräsident Bernhard Vogel auf die Seite der Sonnenstromer.

"Thüringens Solarindustrie braucht im Wettlauf mit der japanischen Konkurrenz auch weiterhin Absatzmöglichkeiten im Inland", erklärte Vogel dazu. Einen Rückschlag für die Thüringer Solarwirtschaft gab es im August, als die Antec Solar GmbH in Arnstadt im Gefolge der Babcock-Pleite Insolvenz anmelden musste. Das Unternehmen hatte sich auf die Produktion von Dünnschicht-Solarzellen auf Glasbasis spezialisiert - eine noch junge und riskante Technologie mit hohem Kapitalbedarf. Derzeit suchen die Insolvenz-Verwalter nach einer Auffang-Lösung für das Unternehmen mit 60 Mitarbeitern.

Stefan Schroeter
Stefan Schroeter
freier Mitarbeiter / Wirtschaftsjournalist
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