Günstiger Einstiegszeitpunkt gesucht
Trickreiche Umwege zum Börsenerfolg

Da sage noch einer, in Deutschland herrsche Stillstand. Monat für Monat überbieten sich die Banken darin, innovative Zertifikate auf den Markt zu bringen. Die komplexen Produkte sollen es Investoren ermöglichen, ausgefuchste Anlagestrategien zu verfolgen. Wie diese Zertifikate arbeiten, und was sie den Käufer kosten, ist manchmal aber nur schwer zu durchschauen.

Für ungläubiges Staunen bei manchen Anlegern sorgt aktuell etwa die Deutsche Bank mit ihrem "Best of 2002 Zertifikat". Besonders an dem Produkt ist nicht die Tatsache, dass es die zu Grunde liegenden Aktien nach bestimmten Kriterien wie Kurs-Gewinn-Verhältnis, Gewinnwachstum und Dividenrendite auswählt, die 21 enthaltenen Titel regelmäßig austauscht und sie obendrein noch gegen Währungsschwankungen absichert. Nach diesem Mechanismus arbeiten viele Strategieprodukte. Wer aber das Papier noch bis zum 21. Dezember zeichnet, wird so gestellt, als hätte er die 100 Euro zum niedrigsten Monatsdurchschnittskurs des Produkts im Jahr 2002 investiert.

Die Idee dahinter: Auch bei starken Schwankungen der Kurse 2002 erwischen Anleger auf jeden Fall einen günstigen Einstiegszeitpunkt. Beispiel: Das Zertifikat wird 2001 zu 100 Euro gezeichnet. Tiefster monatlicher Durchschnittswert 2002 sind 90 Euro. Zum 1. Januar 2003 liegt es bei 110 Euro. Für den Anleger ergibt sich jedoch dann ein Wert von 122,22 Euro, weil für ihn die prozentuale Wertentwicklung vom Tiefpunkt bei 90 Euro zum aktuellen Stand 110 Euro maßgeblich ist. Nach dem 1. Januar 2003 entwickelt sich das Papier ganz normal analog zu den Basisaktien.

Risikoabsicherung gibt's nicht umsonst

Kehrseite der Medaille ist allerdings, dass diese "rückwirkende Einstiegsoptimierung" den Anleger die Dividenden der im Zertifikat enthaltenen Aktien kostet. "Natürlich müssen wir uns gegen die Risiken der Konstruktion absichern, und das kostet Geld", sagt Zertifikatexperte Thorsten Michalik von der Deutschen Bank. In der Regel tätigen die Risikomanagementabteilungen der Banken auf den Derivatemärkten im entsprechendem Umfang Gegengeschäfte.

Nach Angaben im Prospekt geht dem Anleger eine durchschnittliche Dividendenrendite von 1,3 Prozent pro Jahr verloren. Dabei nehmen die Herausgeber aber an, dass der Anleger die Quellensteuer komplett zahlen muss und außerdem seinen Sparerfreibetrag vollkommen ausgeschöpft hat. Ist dies nicht der Fall, verzichtet der Investor nach Angaben der Deutschen Bank auf eine Dividendenrendite von geschätzten 1,9 Prozent per anno. Hinzu addieren sich noch eine jährliche Verwaltungsgebühr von 1,5 Prozent und die Differenz zwischen An- und Verkaufskurs (Spread), die nach Angaben des Emittenten unter einem Prozent liegen soll.

Zum Vergleich: Der aktiv gemanagte Vermögensbildungsfonds I der DWS verlangt eine Verwaltungsgebühr von 0,75 Prozent, der Ausgabeaufschlag beträgt beim Kauf über diverse Direkt-Banken 3,75 Prozent. Hier gehen Dividenden in die Wertentwicklung mit ein. Außerdem verfügt der Fonds über eine erfolgreiche Historie, während die Zertifikatskonstrukteure den Erfolg ihrer Strategie durch hypothetische Rückrechnungen belegen müssen. Der günstigste Einstieg im Nachhinein bleibt freilich ein Alleinstellungsmerkmal des Zertifikats.

"Interessante Idee, aber sicherlich nicht billig", urteilt Torsten Iben vom Informationsanbieter Zertifikateweb.de über das komplexe Produkt. Branchenkenner Christian Röhl hält es als Beimischung für überlegenswert, Anleger müssten allerdings über einen längeren Zeitraum investiert bleiben.

Indexzertifikat mit Hebelwirkung in alle Richtungen

Eher für kurzfristig orientierte Investoren ist eine Innovation von ABN Amro interessant. Mit ihren Turbo-Zertifikaten ist es dem Haus gelungen, ein Indexzertifikat mit Hebelwirkung zu konstruieren. Steigt der Dax etwa um fünf Prozent, verbucht der Turbo beispielsweise ein Plus von rund 15 Prozent. Aber Vorsicht: Die gleiche Dynamik entfaltet das Papier auch in die umgekehrte Richtung. Selbst kleine Schwankungen des Index führen zu starken Ausschlägen.

Sinkt der Index unter eine festgelegte Stop-Loss-Marke, zieht das Produkt die Reißleine. Dann erhält der Investor die Differenz zwischen aktuellem Indexstand und Basispreis zuzüglich des Aufgeldes ausbezahlt. So vermeidet das Zertifikat eine Nachschusspflicht - Hauptunterschied zum großen Vorbild, dem Anlageinstrument Future, der an den Terminbörsen von institutionellen Kunden gehandelt wird.

"Mit den Turbos ist ABN Amro eine echte Innovation gelungen", sagt Experte Röhl. Eine Hebelwirkung konnten Privatanleger bisher nur mit Optionsscheinen erreichen, deren Nachteil allerdings ist, dass sehr viele Parameter Einfluss auf den Preis haben, zum Beispiel die Volatilität am Aktienmarkt. Bei Turbo-Zertifikaten wirken sich lediglich die Bewegungen des Index und das täglich sinkende Aufgeld aus. Mit Short-Zertifikaten von ABN Amro können Anleger analog zu Puts auch auf fallende Kurse setzen.

Ähnlich wie bei Optionen sollten Anleger jedoch auch bei diesen Zertifikaten die Märkte ständig im Blick haben und bei Bedarf schnell reagieren. "Das Produkt ist etwas für aktive Anleger", sagt Röhl. Aus dieser Tatsache heraus erklärt sich auch die Kostenstruktur des Zertifikats: ABN Amro verdient in erster Linie durch den Spread, der beim An- und Verkauf fällig wird. Beim Turbo auf den Dax sind es jeweils 0,2 Prozent, beim Nemax50 rund 1,5 Prozent. Da andere Anbieter solche Produkte noch nicht anbieten, ist ein Vergleich der Kosten nicht möglich.

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