Guerilla-Verbände stören Logistik-Einheiten
US-Truppen kämpfen mit Nachschubproblemen

Die US-Streitkräfte versuchen vor dem Angriff auf Bagdad, ihren Nachschub zu sichern: Die Versorgung macht Probleme. An der aufwendigen Logistik hängt der Erfolg der ganzen Operation.

KUWAIT/DÜSSELDORF. Für mehr als zwölf Jahre lag die Straße von Kuwait City nach Umm Kasr ungenutzt in der Wüste. Die Piste war eine Sackgasse, geschlossen seit dem Golfkrieg 1991. Mit dem Aufmarsch der britischen und amerikanischen Truppen herrscht wieder dichter Verkehr: Ein langer Strom von Militärtransportern rollt Tag und Nacht in Richtung Grenze - der Nachschub für die Front.

Im Militär gibt es ein Sprichwort: "Gute Generäle studieren Taktik, große Generäle studieren Logistik." Tommy Franks, US-Befehlshaber im Irak, und US-Pentagon-Chef Rumsfeld müssen noch beweisen, ob sie diese Weisheit befolgt haben. Selbst Militärstrategen in den USA bemängeln, dass infolge des schnellen Vormarsches über die rund 500 Kilometer langen Versorgungswege nicht genug Nachschub an die Front gelangt.

Beispiel Verpflegung: Angeblich erhalten Teile der US-Marineinfanterie vor Bagdad nicht mehr wie üblich zwei Essensrationen pro Tag. Die Vorräte an Wasser, Treibstoff und Munition der Einheiten, die in der Regel mindestens für 10 Tage reichen sollten, sind einzelnen Berichten zufolge unter diese kritische Marke gefallen. Selbst das US-Oberkommando räumt ein, dass es einzelne Probleme beim Nachschub gebe. Die Amerikaner rechnen aber damit, diese vor dem Angriff auf Bagdad beheben zu können.

Das Risiko für die Versorgung, die erstmals von einem zentralen Basislager im kuwaitischen Arifjan aus geleistet wird, und nicht wie früher von verschiedenen Punkten, bleibt aber groß. Der Nachschub stockte nicht nur wegen heftiger Sandstürme - vor allem die Angriffe von Guerilla-Verbänden behindern die Kolonnen. Diese Truppen sind zwar nur leicht bewaffnet, dafür aber sehr beweglich und flexibel.

Zwar könnten die irakischen Paramilitärs die Versorgung nicht vollständig unterbrechen, sagt Robert Hutchinson von Jane?s Defence, "sie können sie aber immer wieder schmerzhaft stören". Die US-Generäle haben daher ihre Taktik geändert: Teile der Elite-Kampftruppen mussten von ihren vorgezogenen Positionen abgezogen werden, um die Nachschubwege im Süden zu sichern. Ein spezielles Augenmerk gilt dabei der Region von Nasirija mit ihren zwei Brücken über den Euphrat. Wie gefährlich der Job in der Etappe sein kann, hat schon der letzte Golfkrieg gezeigt: Rund die Hälfte aller US-Gefallenen starb bei der Versorgung der Front.

Die Militärmaschine verschlingt riesige Mengen an Material: Eine Division wie jene 3. Infanterie-Division, die mit rund 16 000 Mann auf Bagdad vorrückt, braucht gut 1,2 Mill. Liter Wasser - am Tag. Ihre Fahrzeuge verbrennen, wenn sie durchs Gelände rollen, täglich bis zu 2,6 Mill. Liter Diesel.

Von den etwa 250 000 US-Soldaten am Golf arbeitet ein Viertel für den Nachschub. Schon vor dem Krieg mussten die US-Logistiker einen Herkulesjob erledigen: 420 Tanklastwagen wurden per Schiff nach Kuwait gebracht, rund 34 Mill. Liter Diesel in unterirdischen Räumen gebunkert, 3,5 Mill. Liter Mineralwasser eingelagert. Die Operation "Iraqi Freedom" ist inzwischen mit täglich 163 000 Passagieren und 360 000 t Fracht die drittgrößte Luftbrücke in der Geschichte, nach der Berliner Luftbrücke und der Operation "Wüstensturm" 1991.

Vor sechs Monaten war Arifjan ein Wüstenfeld mit ein paar Zelten, ohne fließendes Wasser und ohne Strom. Jetzt erinnert das Plateau an eine Industriezone. Es ist das Nervenzentrum des amerikanischen 377. Nachschubkommandos, des Koordinationszentrums für den Krieg im Süden. Jede Kiste, die nach Arifjan kommt, wird in Computern erfasst, nachgebildet dem Paketsystem bei Federal Express. In einem Kontrollraum fließen sämtliche Nachrichten zusammen: Wie viel Diesel welche Einheit an der Front verbraucht, wie viel Munition, wie viel Mineralwasser. Danach richten sich die Touren der Sattelschlepper.

Bevor die Trucks den Norden Kuwaits erreichen, haben sie rund 150 Kilometer hinter sich. Sie kommen aus Al Shuaiba, der Hafenstadt südlich von Kuwait City. Mit Kränen und Gabelstaplern wird dort tonnenweise Nachschub entladen: Panzer, Ersatzteile und die Feldrationen mit Käse-Tortellini oder Beefsteak Teriyaki. Sortiert wird wie im Supermarkt: nach einem Strichcode, der auf die Waren gedruckt ist. In Trucks, die bis zu 90 000 Liter Treibstoff laden können, gelangt der Nachschub zu den Einheiten. Rund 300 Kilometer schaffen die Fahrer der Laster in 14 Stunden. Dann übernehmen andere.

Trotz aller aktuellen Probleme: "Es gibt kaum eine Armee, die so viel logistische Erfahrung hat wie die amerikanische", sagt der Militärexperte Sascha Lange. Entsprechend groß sind auch die Lufttransportkapazitäten, um Verbände um den Globus zu schicken: Die USA haben rund 100 Boeing C 3 zur Verfügung sowie 100 Lockheed Galaxy, die rund 120 t Fracht aufnehmen können. Reicht die Flotte nicht aus, kann die Armee bei den privaten Gesellschaften Jumbo-Jets rekrutieren. Die seit Tagen laufende Verlegung der 4. Infanteriedivision aus der Türkei nach Kuwait zur Verstärkung der Front wird daher auch problemlos verlaufen, schätzt Lange.

So bald werden die Soldaten aber nicht ins Kampfgeschehen eingreifen können: Mehr als 40 Schiffe, beladen mit der Ausrüstung für die 20 000 Mann, sind auf dem Weg nach Kuwait Stadt. Vor dem 8. April werden sie dort allerdings nach Angaben des US-Oberkommandos nicht eintreffen. Und danach müssen die Soldaten mit ihren Waffen erst noch einige Zeit "trainieren".

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