Gummibärchen müssen Überleben sichern
Tankstellen auf dem Trockenen

Jeder vierten Tankstelle in Deutschland droht das Aus. Der rasante Preisanstieg bei Benzin und Diesel hat den Kraftstoffverkauf absacken lassen. Die geschröpften Autofahrer kommen seltener an die Zapfsäulen und sparen auch bei der Autopflege.

dpa-afx FRANKFURT. Angesichts saftiger Tankrechnungen greifen sie zudem in den Shops weniger zu Schampus, Bonbons oder Schokoriegeln. Die ohnehin bescheidene Ertragslage der Pächter hat sich weiter verschlechtert. Nach Ansicht von Branchenexperten müssten 4 000 der bundesweit 16 000 Tankstellen verschwinden, um das Überleben der anderen zu sichern.

"Zu viele Tankstellen für zu wenig Autos", ist man beim Hamburger Mineralölwirtschaftsverband (MWV) überzeugt. Vor 30 Jahren konnten die Autobesitzer hier zu Lande noch bei 46 000 Tank- und Rastanlagen vorfahren. Die Umstellung auf Selbstbedienung, Rationalisierungen, ein scharfer Preiswettbewerb und hohe Kosten für Umweltschutzauflagen ließen diese Zahl drastisch einbrechen. Das Tankstellen-Sterben ist aber noch nicht beendet. "Es gibt große Überkapazitäten", sagt MWV- Sprecherin Birgit Layes.

Bernzinverbrauch geht zurück

Trotz weiter steigender Autozahlen auf den Straßen geht der Kraftstoffverbrauch seit Jahren zurück. Leichtere Fahrzeuge der Hersteller, sparsamere Motoren und der Boom bei Diesel tragen zur Reduzierung des Verbrauchs bei. Hinzu kommt - verstärkt durch die Ökosteuer - eine rasante Teuerung bei Sprit, die zu vernünftigerem Autofahren animiert. Dieser Trend wird sich fortsetzen. "Die langfristigen Absatzperspektiven für Kraftstoffe in Deutschland sind schlecht. Bis 2020 dürfte der Benzinverbrauch um fast 40 % zurückgehen", prognostizieren die Branchenexperten der Dresdner Bank.

Der schrumpfende Absatz - im 1. Halbjahr 2001 ging er um sieben Prozent zurück - heizt den Kampf um Marktanteile weiter an, mit negativen Folgen für die bereits geringen Gewinnmargen. "Die Pächter haben schon heute zu wenig zum Leben und zu viel zum Sterben", meint Jürgen Ziegner vom Zentralverband des Tankstellen- und Gastgewerbes. Gerade 81 000 DM (41 400 ?) vor Steuern hatte im Schnitt ein Betreiber in den alten Bundesländern am Jahresende 2000 in der Kasse. Im Osten seien es sogar nur rund 56 000 DM gewesen, berichtet Ziegner.

Würstchen und Gummibärchen

Der harte Preiskampf bescherte dem Gewerbe beim Geschäft mit Benzin und Diesel im vergangenen Jahr rund eine Milliarde DM Verlust. Pro Liter landen ohnehin nur 2,7 Pfennig bei den Pächtern, der Rest geht an den Fiskus und die Ölkonzerne. Das Überleben der Tankstellen muss schon lange das Shop-Geschäft sichern. Es trägt mehr als die Hälfte zum Umsatz bei. Doch aus dem Verkauf von Würstchen oder Gummibärchen ist kaum Honig zu saugen. Die Erlöse steigen nur langsam. Die meist hohen Verkaufspreise fördern zudem nicht gerade den Absatz. Schließlich gibt es für die markenabhängigen Pächter kein Entkommen aus dem Griff der Ölkonzerne. Diese zwingen ihnen Exklusivverträge für das breite Warensortiment auf und kassieren dabei kräftig ab.

Weiteres Ungemach droht nun durch die Zusammenschlüsse von Shell und DEA sowie von BP und Aral. Sollten die Kartellbehörden diese Übernahmen genehmigen, würden die Branchenriesen gut die Hälfte des deutschen Tankstellenmarktes beherrschen. Die Betreiber könnten sich dann gar nicht mehr zur Wehr setzen, befürchtet Ziegner. Den noch wenigen kleinen, freien und mittelständischen Betrieben - ihr Marktanteil liegt bei knapp 20 % - ginge es zudem verstärkt an den Kragen. "Dann wird es eine weitere Marktbereinigung geben", prognostiziert Ziegner. Freiwillig aufgeben könne aber auch niemand: Gefangen in der Schuldenfalle - bedingt durch sehr hohe Investitionen unter anderem für Umweltschutz - müssten die meisten Betreiber von Tankstellen in der Regel bis zum bitteren Ende durchhalten.

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