Gut bezahlter Stress-Job
Lückenbüßer von Beruf

Interim-Manager springen ein, wenn Unternehmen ihre Vakanzen nicht mit eigenen Leuten besetzen können.

Peter Ullmann ist mit seinen 63 Jahren das, was Personalexperten als "altes Eisen" bezeichnen. Vor drei Jahren schied der Hamburger planmäßig als Vorstand einer Beteiligungsgesellschaft aus - ein gutes Alter, um zu privatisieren. "Nicht für mich", sagt Ullmann. Er bewarb sich als Interim-Manager, als Manager auf Zeit, bei der Personalberatung Ludwig Heuse in Kronberg - und wurde prompt engagiert.

Seine erste Aufgabe: Er sollte die Zusammenarbeit zwischen einem Touristikkonzern und dessen Beteiligungsgesellschaft optimieren. Anschließend übernahm der gelernte Banker die Teilsanierung des Immobiliengeschäfts einer Großbank. Seit einem Jahr macht er ein staatliches Immobilienunternehmen fit für die Privatisierung. Drei Top-Jobs in drei Jahren, "darin liegt der Reiz - keine Routine, viel Gestaltungsfreiheit", sagt Ullmann.

Der Markt für Interim-Manager boomt: "Wir rechnen mit einem jährlichen Wachstum von mehr als zehn Prozent", sagt Lutz Mackebrandt, Vizepräsident des Bundesverbands Deutscher Unternehmensberater (BDU). Ein Grund ist der Trend zur Kostenreduzierung. Ergibt sich Sanierungsbedarf, oder stockt aus irgendeinem Grund die Nachfolge, springen die freiberuflichen Führungskräfte ein - meist nur für wenige Monate.

Deutschland hat noch Aufholbedarf

In Holland und den USA ist der Einsatz von Interim-Managern schon lange üblich. Deutschland zieht seit wenigen Jahren nach. Das weltweit führende Unternehmen Executive Interim Management (EIM) mit deutschem Sitz in München hat mehrere tausend Kandidaten in der Kartei. "Wirklich aktiv arbeiten wir hier aber nur mit rund 200 Top-Managern", sagt Geschäftsführer Dietmar Kablitz. EIM ist ein Gemeinschaftsunternehmen der Personalberatung Egon Zehnder International und den niederländischen Interim-Spezialisten Boer & Croon. Bei Protem, eine Tochter der Personalberatung Heidrick & Struggles, befinden sich rund 4 000 Kandidaten im Pool. "Davon sind 70 dauerhaft im Einsatz", sagt Geschäftsführer Norbert Eisenberg. Ludwig Heuse schätzt die Zahl der aktiven deutschen Interim-Manager "im dreistelligen Bereich".

Die Einsatzgebiete sind vielfältig. Mal geht es um Sanierungen, mal müssen Vakanzen überbrückt werden. Etwa, wenn in São Paolo der Werksleiter eines internationalen Konzerns stirbt. "Statt den Posten auf die Schnelle neu zu besetzen, werden häufig Interim-Manager eingeschaltet", berichtet EIM-Chef Kablitz. "Wir vermitteln zunehmend aber auch Interim-Manager bei Zusammenführungen von Unternehmen", sagt Heuse.

Liefern diese dann hervorragende Ergebnisse, versuchen die Kunden gelegentlich, sie in eine Festanstellung zu übernehmen. "Viele bekommen ein Angebot zum Bleiben, die wenigsten nehmen es an", beobachtet Eisenberg. Die meisten Interim-Manager sind über 50, haben Karriere gemacht, arbeiteten zuletzt als Geschäftsführer oder Vorstand. Sie sind Lückenbüßer aus Überzeugung. "Als fest Angestellter ist man immer weisungsgebunden. Jetzt hingegen nehme ich keine Vorschläge mehr entgegen, sondern schlage selbst vor", sagt Ullmann.

Führungserfahrung und Erfolge sind Pflicht

Die Vermittlung von Interim-Managern erfolgt meist durch Personalberater. Zum Großteil sind die Interessenten Opfer von Fusionen, Konkursen, Stellenstreichungen oder Altersgrenzen. Das Auswahlverfahren beginnt mit einer Bewertung des Lebenslaufs und endet gegebenenfalls mit persönlichen Interviews. Vermittlungen erfolgen gewöhnlich nach einer ausführlichen Bedarfsanalyse beim Kunden.

Voraussetzungen für den Einsatz sind Führungserfahrung und Erfolge in mehreren Unternehmen. Mobilität und Flexibilität sind ebenfalls Pflicht. Kablitz: "Interessenten in fester Anstellung sehe ich mir nicht einmal an." Protem-Chef Eisenberg ist da offener. "Wir bekommen von den Personalberatern unserer Muttergesellschaft häufig Tipps, wer in Frage kommen könnte."

Eine solche Empfehlung erhalten nur Kandidaten mit Durchsetzungsstärke und Integrationsfähigkeit. "Wer als Rambo auftritt, scheitert", sagt Kablitz. Wichtigste Aufgabe: Die richtigen Leute im Unternehmen versammeln und begeistern. "Beim Betriebsrat herrschen oft ungeheure Vorbehalte", berichtet Interim-Manager Friedrich-Joachim Falcke, der bereits rund zehnmal Feuerwehr gespielt hat. "Wenn die Arbeitnehmervertretung aber merkt, dass man dem Unternehmen hilft, zieht sie voll mit."

Gut bezahlter Stress-Job

Kurzzeit-Führungskräfte tanzen auf dem Drahtseil: Einerseits sollen sie durchgreifen, andererseits kritikfähig sein, rechtzeitig loslassen. "Ich empfehle, früh und sehr konkret realistische Etappenziele vorzugeben, von deren Erreichen alle profitieren", sagt Kablitz. Das steigere Motivation, Akzeptanz und helfe dem Auftraggeber.

Interim-Manager sollten für ihre jeweilige Aufgabe überqualifiziert sein, denn "sie bekommen keine Schonfrist, müssen die Situation innerhalb von Tagen einschätzen und schnell Maßnahmen einleiten", sagt Eisenberg. Grundvoraussetzung ist zudem Unvoreingenommenheit. Wer den Einsatz nur als Sprungbrett zur Festanstellung versteht, verliert seine Neutralität.

Was wie Stress klingt, ist Stress - gut bezahlter Stress. Die Vermittler berechnen Tagessätze zwischen 1 700 und 5 000 DM. Davon erhalten die Zeitarbeiter 65 bis 80 Prozent. Allerdings: Anders als herkömmliche Zeitarbeiter sind sie keine Angestellten des Vermittlers. Sie bekommen nur konkrete Einsätze bezahlt. Für Ullmann war finanzielle Sicherheit aber ohnehin nie ein Kriterium, um als Interim-Manager zu arbeiten. "Jetzt, nach Jahrzehnten, kann ich endlich das umsetzen, was ich für richtig halte."

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