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Gut versorgt mit Versorgeraktien

Der wachsende Energiebedarf in den Industrieländern sorgt für steigende Umsätze bei den Versorgerunternehmen. Das spiegelt sich auch in den Aktienkursen wieder, die sich im Aufwärtstrend befinden. Wegen ihrer finanziellen Ausstattung sind vor allem deutsche Konzerne interessant.

4.7.2001 Lange galten die Versorgeraktien als langweilig. Zwar erfreuten sie ihre Anleger mit ansehnlichen Dividenden, ansonsten war mit den Titeln der Stromversorger aber nicht viel los. Anleger, die sich dennoch RWE oder Eon ins Depot gelegt haben, wurden belohnt: Bei der Hausse der Technologiewerte Anfang vergangenen Jahres legten auch die Versorger zu. Als die Aktienmärkte anschließend einbrachen und die Technologieblase platzte, haben sich die Versorgeraktien dank ihres defensiven Charakters relativ stabil gehalten. Die folgenden unsicheren Börsenzeiten brachten den Stromkonzernen neue kaufwillige Anhänger, die die Titel wegen ihres defensiven Charakters als so genannten "sicheren Hafen" schätzten. Die Folge: Seit März dieses Jahres legen die Versorgertitel wieder zu.

Auch wenn die Aktienmärkte, wie von Analysten erwartet, im vierten Quartal dieses Jahres eine deutliche Kehrtwende einleiten und davon zunächst einmal Technologie- und Telekomtitel profitieren dürften, bleiben die Versorger interessant. Die Branche hat einiges zu bieten: Durch Fusionen und Unternehmenskäufe scheint bei ihnen weltweit kein Stein auf dem anderen zu bleiben. Die Deregulierung und Liberalisierung der Strommärkte führte zu mehr Wettbewerb und sinkenden Margen. Das zwingt Konzerne wie RWE oder Eon, sich nach Partnern umzusehen, um über die Landesgrenzen hinaus neue Kunden zu gewinnen. RWE hat bereits den britischen Wasserversorger Thames Water übernommen. Eon tat sich mit der schwedischen Sydkraft und der britischen Powergen zusammen. Zwar hat in Spanien Anfang dieses Jahres der Zusammenschluss der Versorger Endesa und Iberdrola wegen regulatorischer Hürden nicht geklappt. Nun gilt Iberdrola aber, wie übrigens auch die spanische Unión Fenosa, als möglicher Übernahmekandidat - und das verleiht den Kursen Auftrieb.

Investmentbanker gehen davon aus, dass sich in den kommenden zwei bis drei Jahren fünf bis sechs große Versorger herauskristallisieren werden. "Die M&A-Aktivitäten bringen Bewegung in den Sektor und machen ihn attraktiv für Anleger", sagt Richard Budgett, ein Londoner Analyst des Dresdner Asset Managements, der für den Deutschen Investment Trust (DIT) die Versorgerwerte unter die Lupe nimmt. Seiner Meinung nach sprechen auch die sich wieder erholenden Strompreise für die Versorgerunternehmen.

Gerade in Deutschland und Großbritannien waren die Strompreise in den vergangenen zwei bis drei Jahren stark unter Druck geraten. Das hatte Konzerne wie RWE zu Kostensenkungsprogrammen gezwungen, deren Früchte nun Hand in Hand mit wieder steigenden Preisen geerntet werden können. "Die Konzerne arbeiten dadurch effizienter. Davon werden sie in den kommenden zwölf Monaten profitieren", sagt Budgett. Das mache die Versorger trotz ihrer bislang schon guten Kursentwicklung noch immer attraktiv im Vergleich zu zyklischen Sektoren wie der Chemie oder den konjunkturabhängigen Technologiewerten.

"Versorgeraktien werden sich auf Jahresfrist zwar nicht verdoppeln, ein Aufwärtspotenzial von etwa zehn Prozent würde ich ihnen aber schon zubilligen", sagt Daniel Martin, Analyst für Versorgertitel bei Salomon Smith Barney. Sein Haus hat den Versorgersektor zwar lediglich auf "Untergewichten" eingestuft. "Das liegt nur daran, dass wir an eine nachhaltige Erholung der Aktienmärkte noch in diesem Jahr glauben", erklärt er. Von diesem Aufschwung dürften die Telekommunikationswerte dann stärker profitieren als die Versorgeraktien. Anlegern, die risikoaverser seien und zudem einer durchgreifenden Kurserholung an den Aktienmärkten skeptisch gegenüberstünden, könne er dennoch zu Versorgern raten, fügte er hinzu. Schließlich handele es sich um fundamental stabile Werte, die noch immer leicht unterbewertet seien.

Analyst Philip Bonhoeffer von Merck Finck gefallen vor allem die deutschen Versorger RWE und Eon, da sie eine niedrigere Verschuldungsquote als ihre europäischen Mitbewerber hätten. Beide sieht er als "Outperformer", also als Aktien, die sich besser als der Markt entwickeln werden. RWE habe sich mit der Übernahme von Thames Water gut positioniert und könne im Wassergeschäft gute Margen erzielen. Außerdem hätten die vorläufigen Geschäftszahlen am vergangenen Dienstag überzeugen können. Die Möglichkeit, über Powerline Kunden den Internetanschluss über das Stromnetz zu ermöglichen, hält Bonhoeffer lediglich für "eine ganz interessante Sache". Große Auswirkungen auf die Kursentwicklung von RWE sieht er aber nicht. "Unter 50 Euro kann man die RWE-Aktie kaufen", rät auch Analyst Budgett.

Bei Eon gefällt Bonhoeffer, dass das Unternehmen über die Powergen-Tochter CG&E Zugang zum amerikanischen Markt bekommen hat. Und gerade der sei als einer der weltweit größten Elektrizitätsmärkte mit durchschnittlichen Wachstumsraten von drei bis vier Prozent im Jahr interessant. Zum Vergleich: Der deutsche Markt wächst einer Studie von MM Warburg zufolge jährlich um etwa ein Prozent, der spanische um jährlich vier bis sechs Prozent. Für Kursphantasie könnte in den USA auch das Energieförderprogramm sorgen, bei dem Präsident George W. Bush den Bau neuer Kraftwerke fördern will, um den steigenden Energiebedarf bei bislang knappen Kapazitäten auch weiterhin decken zu können.

Unter den europäischen Versorgern gefallen Merck-Finck-Analyst Bonhoeffer weiterhin die spanische Endesa, da sie in Spanien Marktführer sei und nach Südamerika expandiere. Die französische Suez Lyonnaise sei zwar zusammen mit der staatlichen EdF auch gut aufgestellt, allerdings sei die SuezAktie derzeit schon recht teuer. Lediglich als "Underperformer" sieht er die italienische Enel. Dieser Wert sei relativ hoch bewertet. Zudem müsse der Versorger aus wettbewerbsrechtlichen Gründen ein Drittel seiner Kapazitäten abgeben. "Da Enel nicht nur die margenschwächsten Bereiche verkaufen kann, könnte die Aktie unter Druck geraten", so Bonhoeffer. "Der italienische Markt ist noch stark reguliert. Das ist schlecht für die Profitabilität von Enel. Kurzfristig sehe ich kein Kurspotenzial", sagt auch Budgett.

Quelle: Heike Herbertz
Petra Hoffknecht
Handelsblatt / Redakteurin
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