Gute Chancen auf Übernahme in einen festen Job
Zeitarbeit für Akademiker

Wenn es auf dem Arbeitsmarkt kriselt, müssen Akademiker bei der Stellensuche Kompromisse machen. Einer der erfolgversprechendsten Kompromisse heisst Zeitarbeit. Wer bereit ist, ihre Nachteile in Kauf zu nehmen, hat gute Chancen auf Übernahme in einen festen Job.

Von Britta Domke, Junge Karriere

Zu Hause in Frankreich würde Céline Brochot jederzeit wieder als Zeitarbeiterin anfangen. Aber hier in Allemagne? Non, merci. "Ich habe 40 Prozent weniger verdient als meine regulär beschäftigten Kollegen", sagt die studierte Außenhandelskauffrau grimmig, "und damit kam ich mir irgendwie verarscht vor".

Trotzdem sei es damals die richtige Entscheidung gewesen, auf die Anzeige eines Kölner Zeitarbeitsunternehmens zu antworten. Die sechs schlecht bezahlten Monate betrachtet die 24-jährige Französin heute als den Preis, den sie für ihre erste feste Arbeitsstelle in Deutschland zahlen musste: "Vorher habe ich mich mit Aushilfsjobs durchgeschlagen. In der Zeitarbeit war ich gerade mal ein halbes Jahr, dann hat mich ein Kundenunternehmen übernommen."

Nicht schön, aber nützlich

Hier hui, da pfui - so widersprüchlich wie Céline Brochot erleben viele Berufseinsteiger ihren ersten Job in der Zeitarbeit. Und ziehen im Rückblick meist das Fazit: nicht schön, aber äußerst nützlich. In den letzten Jahren haben auch Akademiker die Branche für sich entdeckt: Nach Angaben des Bundesverbands Zeitarbeit (BZA) hat beinahe jeder vierte Student während der Semesterferien schon einmal bei einer Zeitarbeitsfirma gejobbt. Und knapp 16 Prozent aller Leiharbeiter haben ein abgeschlossenes Studium. Viele von ihnen nutzen die Gelegenheit, nach dem Examen unverbindlich in Unternehmen reinzuschnuppern. Für die meisten ist Zeitarbeit jedoch ein Ausweg aus der Jobnot, wenn auch die 50. Bewerbung unbeantwortet blieb.

Saure Äpfel im Paradies

"Hochschulabsolventen sind sehr pragmatisch, wenn der Arbeitsmarkt schlecht ist", weiß Michael Binz. Der Projektleiter des Kölner Bewerbungs- und Beratungszentrums Contact hat schon etlichen Berufseinsteigern empfohlen, es mal mit Zeitarbeit zu versuchen - und weiß von "sehr vielen guten Erfahrungen". Es hat sich herumgesprochen, dass jeder dritte Zeitarbeiter innerhalb eines Jahres in einen festen Job übernommen wird. Bei Akademikern können es je nach Beruf sogar bis zu 70 Prozent sein. Die besten Chancen haben derzeit Betriebswirte, IT-Spezialisten und Ingenieure.

Ein sicherer Arbeitsplatz, prima Aussichten auf Übernahme, Erfahrungen sammeln in zahlreichen Unternehmen - das klingt nach einem wahren Arbeitnehmerparadies. Ist es aber nicht. Zeitarbeit bedeutet, Kompromisse einzugehen. Wer es strikt ablehnt, Abstriche bei der Bezahlung zu machen und trotz Studium in Sekretärinnen- und Sachbearbeiter-Jobs eingesetzt zu werden, sollte die Finger davon lassen.

Da wäre zunächst die Sache mit dem Gehalt: Üblich seien Abschläge zwischen zehn und 15 Prozent im Vergleich zu den regulär Beschäftigten im Kundenunternehmen, heißt es beim Bundesverband Zeitarbeit. Wie passt das mit den 40 Prozent Abschlag zusammen, mit denen sich die Französin Céline Brochot abfinden musste? "40 Prozent - das scheint mir schon recht hoch zu sein", sagt BZA-Vizepräsidentin Ingrid Hofmann zögerlich. "Andererseits gibt es aber auch Stellen, etwa für Ingenieure, bei denen es gar keine Abschläge gibt." Das hänge von der individuellen Ausbildung und Qualifikation ab.

Gehalt verhandeln lohnt sich

Tatsächlich verdient nur eine Hand voll hoch qualifizierter Leiharbeiter marktübliche Gehälter. Doch wer nicht das erstbeste Angebot annimmt und sich bei der Gehaltsverhandlung geschickt anstellt, kann auch als Nicht-IT-ler die Abschläge auf ein Minimum drücken. So hat es sich für den Industriekaufmann und künftigen BWL-Studenten Birger Neumann* gelohnt, sich gleich bei mehreren Zeitarbeitsfirmen zu bewerben. Das höchste Gehalt bot ihm die Amadeus AG. Neumann griff zu. "Dadurch, dass ich pro Tag zehn Euro als steuerfreien Verpflegungsaufwand bekomme, verdiene ich heute kaum weniger als vorher", hat der 24-Jährige ausgerechnet. "In meinem letzten Job habe ich 2.000 Euro verdient, jetzt sind es 1.700 plus Verpflegungspauschale."



Woran Sie ein gutes Zeitarbeits-Unternehmen erkennen verrät >> Junge Karriere.com



Was den einstmals schlechten Ruf der Zeitarbeit angeht - den kann Neumann ohnehin nicht nachvollziehen. "In der Tendenz sehe ich 75 Prozent positive Aspekte. Mir macht mein Job Spaß", versichert er. Und fühlt sich bestätigt, wenn ihm mal wieder ein fest angestellter Kollege zuraunt, er solle froh sein, dass er hier jederzeit wieder weg könne.

Na gut, wenn er es sich aussuchen dürfte, dann würde er wohl lieber im Einkauf arbeiten als in der Buchhaltung, wo ihn das Kundenunternehmen eingesetzt hat. "Aber wenn mir meine Aufgabe überhaupt nicht gefällt, dann kann ich mich auch beschweren und käme auf jeden Fall woanders hin."

Nicht nur lochen und heften

So viel Entgegenkommen ist nicht selbstverständlich. Wer einen Vertrag bei einem der deutschlandweit gut 3.800 Personaldienstleister unterschrieben hat, muss grundsätzlich jede Stelle annehmen, die ihm sein Arbeitgeber zuweist. Auch dann, wenn sie ihn deutlich unterfordert.

Gerade für Akademiker könne das zum Problem werden, glaubt Karin Schulze-Buschhoff aus der Abteilung Arbeitsmarktpolitik beim Deutschen Gewerkschaftsbund: "Das Segment der Akademiker in der Leiharbeit ist relativ klein. Deshalb ist die Sorge durchaus berechtigt, dass Absolventen unterhalb ihrer Qualifikation eingesetzt werden." Allerdings versicherten einige Zeitarbeitsunternehmen gegenüber Junge Karriere ausdrücklich, dass sie Akademiker nicht in Lochen-und-Heften-Jobs verschleißen.

Die Dauer der Einsätze kann erheblich schwanken - von einem Tag bis zu etlichen Monaten. Dabei lautet die Faustregel: Je höher qualifiziert der Mitarbeiter, desto länger der Einsatz. Seit Anfang 2002 dürfen Zeitarbeiter sogar zwei Jahre lang beim gleichen Kundenunternehmen bleiben, statt wie bisher nur ein Jahr. Der häufige Wechsel hat auch seine positiven Seiten, findet Ingrid Hofmann vom BZA: "Gerade wer den Berufseinstieg sucht, kann hier unverbindlich Unternehmen kennen lernen und sich vergewissern: Ist das eigentlich mein Traumberuf, ist das meine Traumfirma?"

Unternehmen mögen Zeitarbeiter

Ein häufiges Argument gegen die Zeitarbeit lautet: "Das sieht doch blöd aus im Lebenslauf." Stimmt. Vorausgesetzt, man hat einen Abschluss in Harvard, ist promovierter Jurist oder sonst ein Ausnahmeabsolvent. Für die große Masse der Berufseinsteiger dagegen gilt: Bloß keine Angst vor Imageverlust. "Eine Zeitarbeits-Station im Lebenslauf ist für uns kein Handicap", betont Sabine Metzner, Unternehmenssprecherin bei Siemens. "Im Gegenteil: Ein Geisteswissenschaftler, der ein Jahr bei einer Zeitarbeitsfirma im Bereich IT gearbeitet hat, ist für Siemens viel interessanter als einer, der frisch von der Uni kommt."

Für Sonja Korth aus der Personalabteilung des Gesundheitskonzerns Fresenius steht sogar fest: Ex-Zeitarbeiter haben anderen Bewerbern etwas voraus: "Sie sind eindeutig flexibler." Ohnehin schaue man bei Fresenius vor allem nach den fachlichen Qualifikationen und nicht danach, in welchem Unternehmen ein Bewerber gearbeitet habe.

"Wenn jemand ein bis zwei Jahre in der Zeitarbeit tätig war, ist das meist kein Problem", sagt auch Michael Binz vom Bewerbungszentrum Contact. Aber spätestens nach zwei Jahren sollte der Absprung in den regulären Arbeitsmarkt geschafft sein.

In drei Tagen zum Job

Überrascht sind viele Bewerber, wenn sie erfahren, wie einfach die Bewerbung bei einem Zeitarbeitsunternehmen ist. Mappe einschicken und dann wochenlang auf Antwort warten - das ist nicht notwendig. "Es läuft sehr viel über Telefonate", weiß Michael Binz. "Häufig rufen Bewerber an und werden bei Interesse gleich zum Vorstellungsgespräch eingeladen." Erst dann müssten sie ihre Unterlagen mitbringen. Mit minimalem Aufwand ergatterte einst auch der Mechaniker Bernd Gelhardt* seine Stelle. "Ich habe mir eine Zeitung gekauft, auf eine Ausschreibung hin angerufen - und hatte einen Arbeitsvertrag", erzählt Gelhardt, der acht Jahre als Zeitarbeiter beschäftigt war und heute in Grenoble studiert. "In drei Tagen zum Job: Das schafft man bei keinem anderen noch so dynamischen Unternehmen."

* Name geändert

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%