Gute Ratings für Versicherer von enormer Bedeutung
Versicherer kritisieren Rating-Agenturen

Rating-Agenturen kommen in Europa zunehmend ins Kreuzfeuer ihrer Kunden. Erstmals kritisierte jetzt der Chef eines europäischen Versicherungskonzerns öffentlich Institute wie Standard & Poor?s und Moody's. Iain Lumsden, Vorstandschef von Standard Life, des größten europäischen Lebensversicherers auf Gegenseitigkeit, sagte dem Handelsblatt, die Bonitätsbewertungen seien derzeit "übertrieben negativ". Vor allem die Beurteilung von Aktien sei zu pessimistisch.

LONDON/ZÜRICH. "Die Rating-Agenturen wollen offensichtlich vermeiden, wie bei Enron auf dem falschen Fuß erwischt zu werden", sagte Lumsden. Damals hatte der US-Energieriese bis zu vier Tage vor dem Bekanntwerden der weltweit größten Unternehmenspleite eine gute Bonität ("Investment Grade") bescheinigt bekommen. Andere Versicherer halten sich öffentlich mit Kritik an den Rating-Agenturen zurück. "Wir machen eine gewisse Skepsis der Rating-Agenturen aus bezüglich der Profitabilität unseres Geschäfsmodells", sagt ein Sprecher der Swiss Life.

Die neue Risikoscheu bekommt Standard Life selbst zu spüren. Moody's setzte die Aussichten für das langfristige Rating (Aa2) Anfang Mai auf "negativ". Und Ende Januar hatte Standard & Poor's die Beurteilung des Versicherers auf AA gesenkt - gleich um zwei Stufen auf einmal. Als Grund nannten beide Agenturen die Lage an den Aktienmärkten. Denn Standard Life ist stärker in Aktien investiert als europäische Konkurrenten. Obwohl der Versicherer im vergangenen Jahr sein Engagement in Dividendentitel deutlich gesenkt hat, liegt die Aktienquote noch immer bei mehr als 50 %. In Kontinentaleuropa liegen die Aktienquoten im Schnitt deutlich niedriger, in Deutschland zum Beispiel hielten die Lebensversicherer nach Angaben des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft Ende 2002 knapp 15 % ihrer Mittel in Aktien; diese Quote dürfte aber weiter deutlich gesunken sein.

Gute Ratings sind für Versicherer von enormer Bedeutung. Zum einen verteuern schlechte Ratings die Refinanzierung. Der Schweizer Versicherer Zurich Finanical Services (ZFS) zum Beispiel schätzt, dass sich seine Refinanzierungskosten um fünf bis zehn Basispunkte erhöhen würden, sollte das Rating von derzeit "A+" um eine Stufe heruntergenommen werden.

Zum anderen achtet die professionelle Kundschaft der Versicherer sehr auf gute Noten. Weist ein Rückversicherer nicht mindestens ein Rating im Bereich "A" aus, dürfte es für ihn sehr schwer werden, andere Versicherer als Kunden zu gewinnen.

Wegen dieser hohen Abhängigkeit von Ratings halten sich die meisten Versicherer mit Kritik zurück. Dabei ist Standard Life nicht der einzige Versicherer, der einen scharfen Wind spürt. Noch im Jahr 2000 waren bei Moody's gut drei Viertel der Veränderungen für Finanzdienstleister Heraufstufungen. 2002 lag der Anteil der Aufwertungen bei weniger als einem Drittel. Bei S&P ging es noch dramatischer abwärts: Veränderte sich 2000 noch gut die Hälfte der Ratings zum Positiven, waren es zwei Jahre später gerade einmal 10 %.

Obwohl Lumsden der erste Vorstand einer Versicherung ist, der die Ratings öffentlich angreift, stehen die Agenturen bereits länger in der Kritik. Seit Monaten ärgern sich Fondsgesellschaften über plötzliche Herabstufungen um mehrere Stufen, die noch dazu auf eher kurzfristigen Veränderungen beruhen. Fondsprofis spotten schon über das "Ratingsbingo".

Lumsden vermutet hinter der negativen Haltung System: Die wichtigsten Rating-Agenturen Standard & Poor's und Moody's sind amerikanisch. Dort halten die Lebensversicherer traditionell weniger Aktien - im Schnitt liegt die Quote bei weniger als einem Fünftel ihres Portfolios. "Es ist nicht verwunderlich, dass die Amerikaner sich mit einer höheren Aktienquote unwohler fühlen", sagt der Versicherungschef.

Die Gescholtenen widersprechen vehement: "Das Argument ?amerikanische Agentur? ist sehr oberflächlich", sagt Rob Jones, ein Managing Director für Ratings von Finanzdienstleistern bei S&P. "Wenn Firmen ihre Verbindlichkeiten nicht zurechtrücken können, weil der Wert der Aktien fällt, beeinflusst das natürlich unser Rating." Auch bei Moody's hört man Ähnliches: "Es ist zuverlässiger, seine Verbindlichkeiten mit Anleihen zu begleichen als mit Aktien", sagt Mark Hewlett, Managing Director für europäische Versicherungen. Es sei "zu einfach, nur auf die Agenturen zu schimpfen".

Dennoch legt Lumsden nach. Die negative Haltung der Rating-Agenturen könnten ein "Zeitalter des Konservatismus" einläuten. Davor könne er nur warnen, denn: "Wer Aktien vermeidet, um keine Probleme beim Rating zu bekommen, verfolgt für seine Kunden langfristig nicht die beste Strategie", weil auch die Chancen verloren gingen. Das zumindest sieht Hewlett von Moody's ebenfalls als Gefahr: "Vielleicht schauen wir in ein paar Jahren zurück und werden genau dafür kritisiert, weil wir heute zu risikoavers waren."

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%