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Gysi ist ein Gefangener im Vorhof der Macht

Gregor Gysis Kandidatur in Berlin sollte der PDS den Weg in bundespolitische Koalitionen ebnen. Doch nun steht sie als einzige große Partei auf Seiten der Friedensbewegung. Und wird deshalb auf längere Sicht im Westen nur eine Rolle als Protestpartei spielen.

BERLIN. Es geschieht eigentlich nie, dass Gregor Gysi zu früh kommt. Meist warten die anderen schon, auf dem Podium und auf den Zuschauerstühlen, bis ein kleiner Mann mit Brille in den Saal stürmt, der Veranstalter seinem Gast erleichtert die Hand reicht und es endlich losgeht. Aber an diesem Abend hat sich ein kleiner Fehler in die Terminplanung des Kandidaten eingeschlichen, er ist eine halbe Stunde zu früh erschienen in den Marmorhallen der Deutschen Bank, Unter den Linden in Berlin. Und so spürt der Gaststar des Abends ganz brutal, wo er wirklich steht: am Rande.

Ganz außen in der Eingangshalle lehnt er sich auf ein Bistrotischchen, während sich Geld und Macht begrüßen, Wangenküsse und routinierte Scherze austauschen. Er sieht?s aus den Augenwinkeln und plaudert scheinbar unverdrossen weiter, nur seine drei Sicherheitsleute und seine persönliche Referentin als Zuhörer. Keiner kommt zu ihm, alle eilen vorbei. So geht das mehr als eine Viertelstunde.

Später wird ihn sein Gegenüber auf dem Podium, FDP-Chef Guido Westerwelle, freundlich lachend begrüßen. Gregor Gysi wird wieder glänzen, und die 500 Leute, die der FDP-Unterstützerkreis "Liberales Netzwerk" eingeladen hat, werden dankbar klatschen für seine funkelnde Rhetorik. Wählen, das sagt er selber, wird ihn hier wohl keiner. Gregor Gysi, der glaubte, er könne mit seiner Kandidatur für die Berliner Landtagswahl am 21. Oktober seine Partei, die PDS, im Westen der Bundesrepublik etablieren und irgendwann auch im Bund koalitionsfähig machen, bleibt im Vorhof der Macht, irgendwo in einer Eingangshalle.

"Im Bund 2006 sehe ich nach wie vor die Möglichkeit zu einer Mitte-links-Regierung", sagt er später bei einem Glas Weißwein, "aber es stimmt, zurzeit ist das Klima frostig." Der Kanzler lädt als einzige die PDS-Bundestagsfraktion nicht mehr zu vertraulichen Unterrichtungen ein. Er traut der Partei nicht, weil sie, anders als der Rest des Bundestags, gegen die Bombardierung Afghanistans ist. In Berlin antwortet der Regierende Bürgermeister und voraussichtliche Wahlgewinner, Klaus Wowereit (SPD), auf die Frage, welchen Koalitionspartner er sich in der Hauptstadt suchen werde: Da werde auch die Haltung zu den US-Militärschlägen eine Rolle spielen. Die PDS könnte knapp 20 Prozent der Stimmen bekommen, sagen letzte Umfragen, genug für Rot-Rot. Aber vieles spricht für eine Ampel-Koalition (von der CDU redet, außer ihr selbst, ohnehin keiner mehr).

Alles umsonst? Gregor Gysi, 53, sieht müde aus, schmaler als noch im Sommer. 170 Wahlkampftermine hat er hinter sich. Freitagnachmittag auf dem Spandauer Marktplatz unterbricht ihn alle zwei, drei Minuten ein Hustenanfall. Schweiß steht auf der hohen Stirn. Trotzdem macht er seinen Job so gut, dass hier, im kleinstädtischsten West-Berliner Milieu, die Leute stehen bleiben und klatschen und beim benachbarten CDU-Stand nur noch eiserne Parteigänger ausharren.

Später schaut er noch für eine halbe Stunde bei der Spandauer Konditorei Fester vorbei, zwischen imposant gerafften Gardinen und Honoratioren, die das Jackett abgelegt haben. Es geht um die hohen Ladenmieten und was man denn dagegen tun könne. Gysi ("Ich finde, die Politik hat eine Lenkungsfunktion") schlägt vor, die Preise künstlich zu drücken, über die städtischen Wohnungsgenossenschaften, was gar nicht schlecht ankommt. "Früher hätten wir die PDS nie empfangen", sagt Klaus-Jürgen Rödiger, Konditormeister und Vorsitzender der Vereinigung Wirtschaftshof, die sich der Förderung der regionalen Wirtschaft verschrieben hat ("Spandauer kauft in Spandau"). Und natürlich, "Nee, nee", wählen werden sie die PDS nicht, "das dauert noch zwei Generationen".

Aber "als Mensch", so meint Klaus-Jürgen Rödiger, "macht er einen guten Eindruck". Ein hellwacher Mann, mit schnellen dunklen Augen hinter den Brillengläsern, gut und teuer gekleidet, dabei immer ein bisschen zerknautscht. Einer, der fast jedem das Gefühl gibt, auf eine gewisse, ganz eigene Weise sei er auch mit ihm auf einer Wellenlinie. "Verteidigung ist im Kern der Wunsch, verstehen zu wollen", hat Gysi einmal über seinen Anwaltsberuf gesagt. Genauso betreibt er Politik, natürlich auch, das übersieht man leicht, genauso interessengebunden wie ein Anwalt.

Gysi ist sympathisch - das, neben ihrem (teils) geretteten Parteivermögen, einzige Grundkapital, das die ehemalige SED in die Bundesrepublik überführen konnte. Und er liebt es, geliebt zu werden. In seiner Autobiografie "Ein Blick zurück, ein Schritt nach vorn" listet er penibel auf, wer von den Größen anderer Parteien mit ihm gesprochen hat. Schröder, Kohl, Fischer, Westerwelle, mit fast allen kann er inzwischen - das hat ihm gut getan und sollte ein Beleg dafür sein, dass er mit der PDS im Schlepptau nun in der Bundesrepublik angekommen ist. "Ich war ja", so schreibt er, "über lange Zeit so etwas wie eine Persona non grata."

Soziale Frage als Kernkompetenz

Das Buch sollte seiner Partei zeigen, was er für sie getan hat. Die Kandidatur in Berlin, was er für sie tun kann. Bürgermeister wäre er gern geworden, mit dem Posten eines Kultur- oder Wirtschaftssenators wäre er auch zufrieden. "Unsere Kernkompetenz muss die soziale Frage sein", sagt er, und so liest sich auch das dicke Programm, das er hat schreiben lassen. Es wird zwar weder die Haushaltskrise beheben noch neue Unternehmen nach Berlin locken - aber was soll?s, Lösungen hat auch die Konkurrenz kaum anzubieten. Gregor Gysi war also auf einem guten Weg, bis zum 11. September, als sich zwei Boeings ins World Trade Center bohrten.

Seitdem muss sich der PDS-Spitzenkandidat fragen lassen, woher denn plötzlich die Friedensbewegtheit seiner Partei kommt, die in der DDR nie der Schwerter-zu-Pflugscharen-Gemeinde angehörte. Er antwortet dann, dass es darauf "keine einfache, einzige Antwort gibt". Er spricht von der "Reaktion einer Bevölkerung, die lange von einer starken Macht dominiert wurde". Dass "auch Antiimperialismus eine größere Rolle spielt". Gegenüber Vorstellungen, die PDS könne den Platz einnehmen, den SPD und Grüne links frei gemacht haben, und so die Westausdehnung erreichen, bleibt Gysi skeptisch: "Man sollte die Politik nicht nach augenblicklichen taktischen Überlegungen ausrichten."

Er sagt es ernüchtert, aber gelassen. Nur wenn er nicht mehr zu Wort kommt, wird er zornig. "Unverschämtheit, lädt mich ein und lässt mich eine halbe Stunde nichts sagen!", motzt Gysi nach einer Podiumsdikussion. Das Rederecht wird ihm bleiben.

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