Gysi-Rücktritt
Furcht vor dem Lafontaine-Effekt

Nach dem Tiefschlag, den ihr Frontmann Gysi versetzt hat, baut die PDS nun auf das Trotzpotenzial bei den Wählern. Die Partei hält auch ohne ihren Politstar an den ursprünglichen Wahlzielen fest.

BERLIN. Die Parteispitze der Sozialisten übt sich am Tag danach in Optimismus: Nein, der Rücktritt Gregor Gysis werde die Wahlchancen "weder verbessern noch verschlechtern", behauptet Bundesgeschäftsführer Dietmar Bartsch und spricht sich und der Partei Mut zu. Das selbst gesteckte Ziel von "sechs plus X Prozent" bei der Bundestagswahl werde man auch unter Verzicht auf das "Symbol der kleinen Leute" im Osten "ohne Abstriche erreichen", beharrt Parteichefin Gabi Zimmer. Nur dass man "ein bisschen sauer auf Gysi" sei, räumt sie auf Nachfragen ein.

Im ersten Schock am Vorabend hatte das noch ganz anders geklungen. Zimmer hatte von einem "schweren Schlag" für die Partei gesprochen, und die Lage damit eher getroffen: Der schnelle Abgang des kleinen Linken, der wie kein anderer der Sozialisten die Emotionen der Nation weckte, der ein Jahrzehnt das Gesicht der SED-Nachfolge-Partei prägte, der nun in Berlin beweisen sollte, dass die Sozialisten auch Wirtschaftspolitik machen können, stürzt die PDS in eine tiefe Krise. Auf dem Spiel steht nichts Geringeres als der Wiedereinzug in den Bundestag. Der sei nun "akut bedroht" heißt es aus den Landesverbänden. Dort geht die Furcht vor dem "Lafontaine-Effekt" um: Dass Gysi nicht weiter zäh und beharrlich für die Sache gearbeitet, sondern den Bettel "hingeschmissen" habe, "werden die Wähler ihm und der Partei übel nehmen".

Gerade die kleinen Leute im Osten, die in ihm den Vorkämpfer gegen Entrechtung und Erniedrigung sahen, könnten sich nun enttäuscht abwenden. Die Landesverbände wissen, dass die vier verbliebenen Spitzenkandidaten - neben Zimmer und Bartsch Bundestags-Fraktionschef Roland Claus und die Berliner PDS-Politikerin Petra Pau - sieben Wochen vor der Wahl vor allem im Westen Unbekannte sind. Nun stehen sie ohne Gysi im Rampenlicht, damit ist "unsere Sonne untergegangen", heißt es hinter vorgehaltener Hand.

1998 waren die Sozialisten erstmals über die Fünf-Prozent-Hürde gekommen, allerdings nur ganz knapp mit 5,1 Prozent. Diesmal wollten sie "sechs Prozent plus X" holen, dazu müssen in ihrem politischen Basislager Ostdeutschland etwa 25 Prozent der Wähler gewonnen werden, im Westen gut zwei Prozent - immerhin doppelt so viel wie zuletzt. Vollmundig hat die PDS sogar angekündigt, drittstärkste Kraft werden zu wollen. Das war schon mit Gysi ein ungewöhnlich ehrgeiziges Ziel.

Die Lage verschärft sich noch dadurch, dass das bisherige Sicherheitsnetz zu reißen droht: Zuletzt holten die Sozialisten vier Direktmandate, allesamt in Berlin. Doch wegen der Verkleinerung des Bundestages und dem deshalb nötigen Neuzuschnitt der Wahlkreise gelten dieses Mal nur noch zwei Berliner Wahlkreise als halbwegs sicher. Fraktionschef Roland Claus, der im Wahlkreis Halle gegen FDP-Generalsekretärin Cornelia Pieper antritt, werden dort keine großen Chancen eingeräumt. Dessen ungeachtet wiederholt der Bundesgeschäftsführer auf die Umfragen unverdrossen, die Ausgangslage für die Partei sei besser als je zuvor. Die Demoskopen handelten die Sozialisten seit Monaten zwischen fünf und sechs Prozent - doch das war vor Gysis Abgang.

Tatsächlich war die Stimmung schon bisher alles andere als gut. Der mangelnde Kampfgeist an der Basis machte es sogar nötig, dass Bartsch in der PDS-Mitgliederzeitschrift die Genossen dazu aufrief, sich nicht von Umfragen und pessimistischen Einlassungen aus den eigenen Reihen beirren zu lassen. Allerdings mäkelte auch er selbst am Erscheinungsbild herum: Die Partei sei "für viele Wähler nicht sinnlich genug und nur schwer erfahrbar". Sie komme mitunter "hölzern" daher. Auch der Parteivordenker Andre Brie hatte kritisiert, die Genossen seien müde und selbstzufrieden geworden, von Leidenschaft und Kreativität sie nichts zu spüren.

Nach dem Tiefschlag, den ihnen Frontmann Gysi versetzt hat, bauen die Sozialisten nun auf das Trotzpotenzial bei den Wählern. Bartsch und seine Parteifreunde hoffen einfach, die PDS werde sich mit dem Motto: "Jetzt erst recht" noch einmal aufrappeln.

Quelle: Handelsblatt

Barbara Gillmann ist Korrespondentin in Berlin.
Barbara Gillmann
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